Stallpflicht wirkungslos im Kampf gegen Geflügelpest

Die Geflügelpest-Verordnung muss verändert werden

10.03.2017: Geht in Deutschland die Geflügelpest um wie im Winter 2016/17, brechen schwere Zeiten für freilaufendes Geflügel an: Es könnte Opfer von staatlich erzwungenen Maßnahmen gegen Geflügelpest werden. Wie das? 

Erreger der Geflügelpest sind stark krankmachende (hochpathogene) Vogelgrippe-Viren der Subtypen H5 oder H7, zum Beispiel H5N8. Wird ein solches Virus in einem Geflügelbetrieb oder in einem toten Wildvogel entdeckt, muss laut Geflügelpest-Verordnung ein Sperrbezirk von drei Kilometer Radius um den Fundort eingerichtet werden. In ihm muss alles freilaufende Geflügel in Ställe und ähnliche Einrichtungen gesperrt werden aus Angst, es könnte von Wildvögeln mit Geflügelpest angesteckt werden und so für die Übertragung des Virus in andere Betriebe sorgen. Die Stallpflicht kann deshalb auch in gewässerreichen Gebieten angeordnet werden, weil dort viele Enten, Gänse und anderen Wasservögel überwintern, die das gefährliche Virus in sich tragen könnten und es dann ausscheiden.

Wenn freilaufendes Geflügel wochenlang tags und nachts im Stall bleiben muss, brechen unweigerlich Rang- und andere Kämpfe aus, die tödlich enden können, denn die Unterlegenen können den Überlegenen nicht ausweichen wie sonst im Freiland. Deshalb breiten sich Stress und Unwohlsein mit Krankheitsfolgen im Bestand aus. Der Halter darf seine Tiere nicht einmal zur Stallsäuberung nach draußen lassen, so dass herumliegender Kot das Gefieder beschmutzt. Viele Hobbyhalter haben ihr geliebtes Geflügel schon schweren Herzens geschlachtet, um ihm unnötiges Leid durch die Stallpflicht zu ersparen. Tausende Menschen haben aus diesem Grund sogar ihre Hobbyhaltung von Geflügel aufgegeben.

Diese Menschen gehören zu den Verlierern der Politik gegen Geflügelpest. Zu den Gewinnern gehören vor allem die global tätigen Geflügelkonzerne, denen es um Massenproduktion von Geflügelprodukten geht. Selbst wenn in einem Großbetrieb 30 Prozent der Puten noch im Stall an vielfältigen Gebrechen sterben, wird Gewinn erwirtschaftet, aber nur, wenn es keine Handels- und Exportschranken wegen Geflügelpest im Land gibt.

Deshalb, so jüngst der Appell eines politisch Verantwortlichen in Deutschland, sollten Freilandhalter von Geflügel schon aus Solidarität mit der Geflügelindustrie ihr Geflügel aufstallen, um sie vor Wirtschaftsschäden zu bewahren. Aber hat diese Solidarität der Geflügelindustrie schon je genützt?

Hinweise dafür fehlen. Wohl aber mehren sich die Hinweise, dass die Geflügelindustrie selbst verantwortlich ist für die Ausbreitung von Geflügelpest-Viren über nah und fern bis hinein in weitere Betriebe und bis hinaus ins Freiland. Und kaum sind dann die ersten Wildvögel mit Geflügelpest angesteckt, werden sie für den Übertragungsprozess verantwortlich gemacht. Das ist die zentrale Botschaft der „Wildvogelhypothese“, die zum wichtigsten Argument für die Stallpflicht wurde. Diese Hypothese ist reine Spekulation geblieben, denn sie stützt sich allein auf den Befund, dass infizierte Wildvögel noch mehr oder weniger weit fliegen können. Das stimmt, aber Hinweise fehlen, dass sie die Viren auch in Geflügelhaltungen einbringen können. Also darf die spekulative Hypothese nicht als Grund zur Durchsetzung von Stallpflicht dienen.

Diese Erkenntnis gehört auch zum Fazit des privat organisierten und gut besuchten Symposiums „H5N8 – Veterinäre gefangen zwischen Wissenschaft und Politik“ am 28. Januar 2017 in Kiel. Die Argumente aller fünf eingeladenen Redner machten überdeutlich, dass die Gründe für die Stallpflicht den Grundsätzen der wissenschaftlichen Seriosität spotten.

Hierzu führte PROVIEH-Mitglied Svenja Furken jüngst ein Zahlen-Argument an, das sie als Paradoxon bezeichnete:  In Deutschland gibt es 180.000 private Geflügelhaltungen mit weniger als hundert Tieren, dagegen 8.000 gewerbliche Haltungen mit über hundert Tieren. Die Geflügelpest brach im Winterhalbjahr 2016/17 bisher in 16 privaten und 25 gewerblichen Haltungen aus. Im Durchschnitt war die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs für gewerbliche Betriebe also 51-mal höher als für private Haltungen, obwohl die gewerblichen Betriebe Maßnahmen zur Biosicherheit besser umsetzen können als die privaten Haltungen und obwohl die Wildvögel mit ihrem möglicherweise infektiösem Kot die Freilandhaltungen besser erreichen können als die gewerblichen Betriebe, in denen das Geflügel meist lebenslang in Ställen lebt.

Bricht Geflügelpest in solchen geschlossenen Ställen aus, stehen die Verantwortlichen regelmäßig vor einem Rätsel, das sie nicht lösen können. Dann suchen sie ihr Erklärungsheil in der „Wildvogelhypothese“, sie sei so schön einfach. Aber wenn sich die Geflügelindustrie die Gefahr von Geflügelpest selbst heraufbeschwört, dann versagt sie im Kampf gegen  Geflügelpest, ganz einfach. Mit solchen Versagern sollen sich Halter von Freilandgeflügel solidarisieren? Und dafür nichts als unnötigen Schaden ernten? Nein, sagen sie, und fordern: Die Geflügelpest-Verordnung  muss von wirkungslosen Geboten befreit werden, um seriös zu werden. PROVIEH wird hierzu einen Vorschlag erarbeiten und in die Politik einbringen.

Sievert Lorenzen