Geflügelpest – ein Problem für die Geflügelindustrie, nicht für die Natur

10.03.2017: Die Vogelgrippe oder Aviäre Influenza (AI) ist eine ansteckende Krankheit, erzeugt von AI-Viren. Sie können Vögel leicht, schwer oder tödlich erkranken lassen und werden entsprechend als schwach oder stark krankmachend (niedrig- oder hochpathogen) bezeichnet.

Von besonderer Bedeutung für die AI-Viren sind zwei Glykoproteine (Zucker-Eiweiße) außen auf der Virushülle. Das eine ist das Hämagglutinin („H“), ausgesprochen wie Häm-Agglutinin, das andere die Neuraminidase („N“), ein Enzym. Es gibt genau 16 H-Subtypen und 9 N-Subtypen, die in verschiedener Weise miteinander kombiniert werden können, zum Beispiel zu H5N1, H5N8, H7N3 oder H9N2. Das Immunsystem eines Vogels kann Antikörper gegen beide Glykoproteine bilden und den Vogel resistent gegen diese Viren machen.

Schädlich für den Vogel ist vor allem das Hämagglutinin. Die beiden Wortstämme im Namen  zeigen seine Wirkung an: Es kann sich an Blutkörperchen (Hämatozyten) oder andere Wirtszellen binden und sie verklumpen (agglutinieren) lassen. Daran erkrankt der Vogel, vor allem im Darmbereich, so dass der Kot in schweren Fällen grünlich wird.

Die Neuraminidase spielt eine wichtige Rolle für die Vermehrung der AI-Viren. An ihren Kontaktstellen mit der Zellmembran einer Vogelzelle macht sie den Weg frei für die acht RNA-Segmente des Virus. Diese gelangen so ins Innere der Vogelzelle, vermehren sich dort  und bilden schließlich neue Viren, die sich mit ihrer Neuraminidase aus der Vogelzelle befreien und dann über andere Zellen des Opfers herfallen. Ist ein Vogel gleichzeitig von zwei AI-Viren infiziert, können als Nachkommen mischerbige Hybride (Reassortanten) entstehen. Zusätzlich sind Mutationen möglich. So erhält sich eine ständige Vielfalt an AI-Viren.

Werden AI-Viren mit Kot oder Sekreten ausgeschieden, können sie sich am besten im Kalten und Feuchten erhalten, auch im Eis, aber nicht im Warmen und Trockenen oder im UV-Licht. Das erklärt, warum vor allem Wasservögel den AI-Viren ausgesetzt sind. Sollte eine Viruspopulation Wildvögel zu effektiv töten, verliert sie mit ihnen auch ihre Verbreiter und stirbt schnell aus. Deshalb kann Geflügelpest in der Natur nie von einem lokalen zu einem flächendeckenden Problem werden.

Das gilt für die Geflügelindustrie nicht mehr. Sie schwächt durch ihre Haltungssysteme das Immunsystem des Geflügels, und durch ihre Transporte kann sie hochpathogene AI-Viren schnell über nah und fern verbreiten bis in andere Geflügelbetriebe hinein. So wird Geflügelpest zu einem dauerhaften Verlustproblem gemacht. Freilandhalter halten ihr Geflügel naturnah und tragen zum Verlustproblem nichts bei.

Sievert Lorenzen