Aus der Mücke einen Elefanten machen ...Blauzungenkrankheit in Deutschland

Nachdem im August erst in den Niederlanden nahe der deutschen Grenze und dann in der Region Aachen sowie im benachbarten Belgien die Blauzungenkrankheit bei Rindern und Schafen festgestellt wurde, kannte die Ungläubigkeit der Seuchenexperten keine Grenzen mehr. Blauzungenkrankheit bei uns? Das gibt es doch gar nicht, und schon gar nicht bei Rindern! Das war der Stand der Kenntnis, bis nach Untersuchungen von Probenmaterial erkrankter Tiere durch die Referenzlabore die Diagnose bestätigt wurde.

Was hat es mit dieser Krankheit auf sich? Der Erreger ist ein Virus, welches nicht direkt von Tier zu Tier, sondern nur indirekt, durch sogenannte Vektoren übertragen wird. Die Vektoren sind blutsaugende Mücken, die, wenn sie ein an Blauzungenkrankheit (BT) erkranktes Tier stechen, das Virus aufnehmen, sozusagen „ausbrüten“ und vermehren und dann das nächste Tier infizieren können. Bisher ist diese Krankheit in den warmen Gebieten in Afrika und Amerika aufgetreten, da die Überträgermücke nur bei hohen Temperaturen aktiv ist und das Virus selbst zur Vermehrung in der Mücke auf Wärme angewiesen ist.

Der nun in unseren Bereichen gefundene Serotyp des Virus (BTV 8) ist bisher sehr wenig erforscht worden, da er nicht im hohen Maße verbreitet ist. Er hat, entgegen der sonst üblichen Verbreitung, die überwiegend Schafe betrifft, hauptsächlich Rinder befallen und dort zum Teil auffällige, bisher in dieser Form unbekannte Erscheinungen ausgelöst.

Die Krankheitssymptome bei Schaf und Rind sind in der Regel gering, die Tiere zeigen Lahmheit, gerötete Schleimhäute, geschwollene Köpfe und Fressunlust, hervorgerufen durch Nekrosen und Schwellungen im Maulbereich. Üblicherweise erholen sich die Tiere innerhalb von ein paar Tagen und die Symptome heilen problemlos aus.

Ein erstes Warnsignal war das Auftreten von BT zum Ende der neunziger Jahre in einigen Gebieten Italiens und Spaniens sowie Portugals und Griechenlands. Vermehrt hatten Wissenschaftler gewarnt, dass die Gefahr eines Auftretens dieser Erkrankung im Zuge der globalen Erwärmung auch im bisher freien Norden Europas nicht mehr ausgeschlossen sei. Ernst genommen wurden diese Warnungen anscheinend nicht. Es wurde weder eine routinemäßige, stichprobenmäßige Untersuchung von Rindern oder Schafen durchgeführt noch wurde ernsthaft versucht zu ermitteln, ob unter unseren klimatischen Voraussetzungen eine Verbreitung der Krankheit möglich sein könnte. Die durch die Behörden getroffenen Maßnahmen zeichneten sich vor allem durch Unkenntnis der Situation vor Ort und in den landwirtschaftlichen Tierhaltungen aus. Transportsperren wurden im Wechsel erlassen und aufgehoben bzw. stündlich geändert, Aufstallung für alle Tiere wurde angeordnet und wieder aufgehoben und Informationen für Landwirte und Tierhalter waren immer schon überholt, wenn sie die Betroffenen erreichten. Bisher haben die Behörden im Rahmen der Seuchenbekämpfung „großzügig“ darauf verzichtet, infizierte Tiere zu töten. Man will erst abwarten, wie sich die Situation entwickelt und bei Vorliegen von verlässlichen Zahlen die weiteren Maßnahmen beraten.

Dazu ist folgendes anzumerken: Bei der Blauzungenkrankheit wird nicht unterschieden, welcher Virustyp krankheitsauslösend ist. Einige Virustypen können zum Tode von bis zu 80% der befallenen Tiere führen und darüber hinaus für lang anhaltende Krankheitserscheinungen mit großen wirtschaftlichen Verlusten führen. Bei dem in Deutschland festgestellten Virustyp ist der Krankheitsverlauf eher leicht und Todesfälle sind so gut wie nicht bekannt geworden. Die Behörden haben bisher nur minimale Untersuchungen angestellt, um die Überträgermücke zu identifizieren oder bei erkrankten Tieren nachzuverfolgen, wie lange das Virus im Tier aktiv bleiben kann. Unter diesen Voraussetzungen sind alle Prognosen über den weiteren Verlauf des Geschehens spekulativ. Wenn im Winter, bedingt durch kalte Temperaturen, die Aktivität der Mücken nachlässt, werden auch die Erkrankungsfälle bei den Tieren nicht mehr auftreten. Bei geeigneten Wetterbedingungen kann durchaus im nächsten Jahr mit einem erneuten Auftreten der Erkrankung gerechnet werden. Nicht auszuschließen ist dann, dass weitere Gebiete Deutschlands mit einem Auftreten der Blauzungenkrankheit rechnen müssen. Unter diesen Aspekten ist eine Tötung von Tieren, die Antikörper gegen das Virus haben und somit gegen eine erneute Erkrankung geschützt sind, unsinnig und unnötig.

Für die viehhaltenden Betriebe in der betroffenen Region sind die im Rahmen der Seuchenbekämpfung durchgeführten Maßnahmen auf Dauer nicht zu verkraften. Die Preise für Absetzer, Kälber und Schlachttiere sind in den letzten Wochen stark gefallen, da die Exportwege verschlossen sind. Dies hat einen negativen Einfluss auf die Preise der regionalen Märkte, und da es sich beim überwiegenden Teil der betroffenen Betriebe um kleine und mittlere Familienbetriebe handelt, sind finanzielle Schwierigkeiten vorauszusehen.

Aus den üblichen Gründen, nämlich Exportbeschränkungen und angeblichen Vermarktungsproblemen, wird derzeit die Entwicklung eines Impfstoffes gegen BTV 8 nicht diskutiert. Die Möglichkeit der Impfung besteht und wird z.B. in vielen Teilen Afrikas und Amerikas mit Erfolg praktiziert. Das übliche Argument, "Der Verbraucher mag aber keine Erzeugnisse von geimpften Tieren", wird wie immer ins Feld geführt. Allerdings scheinen die Verantwortlichen in dieser Diskussion eines außer Acht gelassen zu haben: Wenn die Diskussion über den Einsatz von Impfstoffen im Tierseuchenfall nicht bald zu dem Ergebnis führt, dass Impfungen eine tier-, menschen- und umweltfreundliche Methode der Gesunderhaltung der landwirtschaftlichen Nutztiere sind, wird die ganze Diskussion hinfällig. Dann heißt das Thema nämlich nicht mehr: Produkte von Tieren, die artgemäß und tiergerecht in der Region groß geworden sind und die ein tiergerechtes, wenn auch geimpftes, Leben geführt haben, sondern: Verschwendung von Energie beim Transport von Produkten, die unter dubiosen Bedingungen irgendwo am anderen Ende der Welt hergestellt wurden und auf deren Qualität wir keinen Einfluss nehmen können.

Indem man den kleineren landwirtschaftlichen Betrieben die Existenzgrundlage entzieht, zerstört man auch die jahrhundertelang gewachsenen, noch funktionierenden sozialen Strukturen in den bisher überwiegend landwirtschaftlich genutzten Gebieten und gefährdet die Versorgung der Bevölkerung mit regional erzeugten Lebensmitteln aus artgemäßer Tierhaltung.

 

Sabine Zentis, 09.10.2006

PROVIEH Stichworte: 

oldmenu: