Vogelgrippe - Schon wieder die Unverhältnismäßigkeit der eingesetzten Mittel

Meine Tante Frieda mit ihrer Vorliebe für gute Kleidung pflegte zu sagen, sie sei zu arm, sich billige Dinge zu leisten. Herrlich fanden wir dieses Paradox und hielten es für eine Ausrede, doch in ihm steckt die Lebenserfahrung, dass der Kauf von Billigware zu unerwünschten Neben- und Fernwirkungen führen kann.

Geht diese Lebenserfahrung verloren? Unlängst warb eine Billigwarenkette mit nur einem Wort: Billig. Zu den unerwünschten Fernwirkungen des Billigpreises bei Nahrungsmitteln gehören die Massenhysterien wegen BSE in Deutschland 1997 und 2001, wegen Maul- und Klauenseuche in Großbritannien und den Niederlanden 2001 und wegen der Vogelgrippe zur Zeit (Herbst 2005).

Der Weg vom Billigpreis zur Massenhysterie verläuft immer nach dem gleichen Muster: Am Anfang steht die Übersättigung der Märkte. Damit die Leute mehr kaufen als sie brauchen, werden sie mit Billigpreisen gelockt. Doch wer zu Billigpreisen Eier und Geflügelfleisch produzieren muss, muss das Federvieh möglichst dicht gedrängt aufstallen, mit Kraftfutter versorgen und mit Medikamenten einigermaßen bei Gesundheit halten.

Doch diese Maßnahmen erzeugen beim Geflügel Stress, der das Immunsystem schwächt. Die Anfälligkeit für ansteckende Krankheiten steigt, so dass selbst kleine Mengen von Krankheitserregern große Katastrophen herbeiführen können. Wird dann noch gemunkelt, der Krankheitserreger (in diesem Fall das Vogelgrippevirus H5N1) könnte für Menschen tödlich sein, dann ist die Bahn bereitet für Massenhysterie unter der Bevölkerung.

Ab diesem Punkt können Politiker unverhältnismäßige Maßnahmen anordnen unter dem Vorwand, die Bevölkerung vor einer Katastrophe zu schützen. Doch geschützt wird vor allem der Markt. Sollte H5N1 wirklich in Deutschland ausbrechen, ist die nächste Maßnahme schon geplant: Es wird massenhaft Geflügel vernichtet. Das entlastet den Markt.

So also sieht die Fernwirkung von Billigpreisen aus. Wer das nicht glaubt, denke nur zurück an die BSE-Schutzverordnung im Jahre 1997. Alle Importrinder aus Großbritannien und der Schweiz sollten damals unverzüglich vernichtet werden, nicht etwa wegen drohender BSE-Gefahr, sondern als Schaumaßnahme zum Schutz des deutschen Rindfleischmarktes, wie von hoher offizieller Seite ungeniert eingeräumt wurde.

Doch warum können in Zeiten der Hysterie unverhältnismäßige Maßnahmen so leicht durchgesetzt werden? Möglich ist dies durch die Verwendung einer infamen Floskel der Volksverdummung: Nicht mit letzter Sicherheit sei auszuschließen, dass von der jeweiligen Tierkrankheit eine Gefahr für den Menschen ausgehe. Ist nicht schon lange bekannt, dass sich kein Lebensrisiko mit letzter Sicherheit ausschließen lässt?

Die Zeit unverhältnismäßiger Maßnahmen ist also wieder da. Aus Angst vor dem Vogelgrippevirus H5N1 und vor Markteinbrüchen muss alles freilaufende Geflügel aufgestallt werden, egal ob geeignete Ställe verfügbar sind oder nur Partyzelte. Erneut ist nicht erkennbar, ob die Folgewirkungen der Maßnahme bedacht wurden. Oder soll womöglich das Gegenteil des anscheinend Gutgemeinten erreicht werden?

Zu den Folgewirkungen des Aufstallungsgebots zählen folgende:

    1) Erneut demonstriert der Staat, wer in kritischen Zeiten das Sagen auf bäuerlichen Betrieben hat: Der Staat und nicht etwa der Bauer, und sei dieser noch so verantwortungsvoll.
    2) Freilaufgewohnte Vögel, unter ihnen vor allem die Gänse, geraten in Unterkünften unter ungewohnten Dichtestress, der ihr Immunsystem schwächt.
    3) Durch die vielen Aufstallungen werden viele Zellen geschaffen, in denen sich ankommende Viren rasch ausbreiten können.
    4) Tierunterkünfte werden be- und entlüftet. Sollte H5N1 auf diese Weise in einen Stall gelangen und sich dort wegen der idealen Bedingungen rasch vermehren und die Vogelgrippe auslösen, ist natürlich mit Tötung allen Geflügels in einer Bannmeile rund um den Ausbruchsherd zu rechnen. Die Weiträumigkeit des "stamping out" wäre nicht einmal veterinärmedizinisch sinnvoll.
    5) Die eingesperrten Vögel müssen versorgt und z.T. zum Schlachten gebracht werden. Sollte das Virus H5N1 wirklich auf Menschen übertragbar sein, dann wären vor allem jene gefährdet und kämen als Ausbreiter der Krankheit in Frage, die das Federvieh versorgen oder zum Transport treiben. Schutzmaßnahmen können die Gefahr mindern, aber nicht bannen, vor allem nicht bei provisorischer Aufstallung im Partyzelt.
    6) Verantwortliche könnten auf die Idee kommen, Freilandhaltung von Vieh gänzlich zu verbieten, um so ein Gefühl der Sicherheit zu erzeugen. Das würde der industriellen Massenhaltung von Tieren starken Aufschub leisten.

Fazit: Angesichts der befürchteten Folgewirkungen erscheint das Aufstallungsgebot mehr schädlich als nützlich. Schon wieder erwecken Politiker den Anschein, die Verletzung des grundgesetzlich verankerten Gebots der Verhältnismäßigkeit von Mitteln billigend in Kauf zu nehmen, ganz wie wir dies bei Maßnahmen gegen Bovine Spongiforme Enzephalopathie (BSE) und Maul- und Klauenseuche (MKS) schon erlebt hatten.

Lernen europäische Agrarpolitiker nie, dass sich Billigpreis und Massentierhaltungen immer wieder als Brutstätten von Katastrophen entpuppen?

 

Prof. Dr. Sievert Lorenzen, AK Tierseuchen, Dezember 2005

 

 

 

 

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