BSE – wie das Rind dem Wachstumswahn geopfert wird

Als aktiver Mitstreiter von PROVIEH engagiert sich Herr Professor Dr. Sievert Lorenzen im Arbeitskreis Tierseuchenpolitik.

Lesen Sie hier seinen am 8. Januar 2004 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) erschienenden, höchst interessanten Beitrag zum ersten BSE-Fall in den USA:

Nun ist es soweit. Auch die USA haben ihren lange befürchteten ersten BSE-Fall und erleben nun das, was wir in Deutschland schon vor drei Jahren nach der Meldung des ersten rein deutschen BSE-Falles im November 2000 erlebten: Mit dem BSE-Argument wurden zunächst Konkurrenten von den internationalen Märkten verdrängt und gute Geschäfte gemacht, doch dann erzeugt die Meldung des ersten eigenen BSE-Falles Verluste, die weitaus höher sind als die zuvor eingestrichenen Gewinne. Das BSE-Argument entpuppt sich immer wieder als ein Doppelschlag-Bumerang, der nach erfolgreicher Mission zurückkehrt und den Bumerang-Werfer triftt. Doch warum ist dies möglich? Warum können allein schon BSE-Meldungen Panikverluste in Milliardenhöhe auslösen?

Die Beachtung von Darwins Selektionsprinzip ist für eine Antwort hilfreich. Das Selektionsprinzip gilt nicht nur für die Evolution der Artenvielfalt, sondern auch für die Dynamik wirtschaftlicher Strukturen, zu denen Firmen, Konzerne und Wirtschaftszweige gehören. Das Selektionsprinzip bedeutet, dass alle dynamischen Strukturen, die zu selbstverstärkendem Wachstum fähig sind, auch die negativen Rückkopplungen hervorrufen und verstärken, die das weitere Wachstum schon vor Erreichen der Sättigungsgrenze immer stärker bremsen oder – falls dies nicht rechtzeitig gelingt – katastrophenartig einbrechen lassen. Die unerbittliche und oft unerwartete Weise, in der dies geschieht, wurde früher oft als Strafe Gottes empfunden. Für jedes solide Wirtschaften muss also gelten, rechtzeitig vor Erreichen der Sättigungsgrenze das Wachstum zu bremsen, um ein Fließgleichgewicht auf zufriedenstellend hohem und stabilem Niveau erhalten zu können. Dies ist das Prinzip der Nachhaltigkeit von Maßnahmen. Bei enthemmtem Wachstumswahn dagegen drohen starke Einbrüche bis hin zu Konkursen, wie sie gegenwärtig häufiger zu erleben sind.

Auch Milch- und Rindfleischmärkte gehören zu den dynamischen Strukturen der Wirtschaft. Milch und Rindfleisch gelten seit jeher als sehr wertvoll, so dass diese Märkte in knappen Zeiten sehr gut wachsen konnten. Doch schon vor Erreichen der Marktsättigung setzte wegen geringer werdender Nachfrage die negative Rückkopplung ein und begann, das weitere Wachstum zunehmend zu bremsen. Wie in der Wirtschaft üblich, begannen in diesem Stadium die Preiskämpfe mit dem Ziel, zugunsten des eigenen Vorteils Konkurrenten vom Markt zu verdrängen. Die schärfste Waffe hierbei ist der Billigpreis. Um dennoch genug zu verdienen, werden Produzenten zunehmend zur Massenproduktion von Billigware gezwungen, auf deren Qualität immer weniger geachtet werden kann. Wird diese Entwicklung nicht rechtzeitig gebremst, schraubt sich eine Überflussspirale empor, die von immer wenigen Giganten immer schneller gedreht wird, bis schließlich das ganze System teilweise oder vollständig zusammenbricht. Mitten im steigenden Überfluss sind wir immer schon von Mangel und Katastrophen bedroht. Milch- und Rindfleischmärkte haben die enthemmte Überflussspirale erlebt. Für die Massenproduktion wurden gezielt nur solche Rinder für die Weiterzucht eingesetzt, die auf hohe Gaben von Kraftfutter mit der Erzeugung von möglichst viel Milch oder Fleisch reagierten. Künstliche Besamung und Embryonentransfers beschleunigten die Zuchterfolge, führten aber auch zu Inzucht gewaltigen Ausmaßes. Aus Gründen des Billigpreises wurden dem Kraftfutter in Großbritannien, USA und anderen Ländern Tiermehle und andere, immer gewagtere und z.T. illegale Leistungsförderer beigemischt. Die erzielten Erfolge ermunterten zur Fortsetzung der Wachstumsspirale. Nach dem Erreichen von Kühen mit einer Jahresleistung von 10.000 Litern Milch wurde die 12.000-Liter-Kuh angestrebt. Aus Milchkühen wurden in der Generationenfolge gestresste Hochleistungskrüppel, die nur bei besten Lebensbedingungen die erwarteten Leistungen erbringen können, anfällig gegen normale Widrigkeiten des Lebens sind, schon mit drei bis vier Jahren ihren Zenit überschreiten und dann dem Schlachter zugeführt werden. Ihre Bullkälber sind immer schlechter für die Mast geeignet: Sie werden fett statt muskulös.

Der Rinderwahn BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie) traf fast nur die Hochleitstungskrüppel. Die Krankheit wurde in Großbritannien entdeckt und 1986 erstmals beschrieben. Von Anfang an war klar, dass BSE keine ansteckende Krankheit ist, dass also von einem an BSE erkrankten Rind keine Gefahr für die übrigen Rinder der Herde ausgeht. Selbst auf dem Höhepunkt der britischen BSE-Welle 1992/93 sind stets nur wenige Einzeltiere einer Herde von BSE betroffen gewesen. Wegen fehlender Anstreckungsgefahr kann BSE also keine Tierseuche sein, auch wenn sie aus rein politischen Gründen als solche bezeichnet wird.

97,5 % aller 187.500 bekannten BSE-Fälle sind noch immer britisch. Von wenigen Einzelfällen abgesehen, verteilt sich der Rest auf das übrige Europa. Aus Deutschland sind bisher 291-Fälle bekannt. Genauer wäre zu sagen: In 291 Fällen verlief der BSE-Test positiv.

Wie zuverlässig diese Tests sind, ist noch unbekannt. Ob die Tests für gesund erscheinende Schlachtrinder überhaupt sinnvoll sind, wird zu Recht angezweifelt. In der Schweiz, in der mehr Erfahrung im Umgang mit BSE herrscht als in Deutschland, werden solche Tests bei Schlachtrindern nur noch stichprobenartig durchgeführt und im Grunde für überflüssig gehalten, denn die Bauern sind in der Früherkennung von BSE-Verdachtsfällen mittlerweile geübt und werden bei Meldung solcher Fälle vom Staat honoriert. Das ist wirkungsvoll.

Warum ausgerechnet Großbritannien und kaum der Rest der Welt von BSE heimgesucht wurde und warum noch immer über 1.000 neue britische BSE-Fälle pro Jahr ermittelt werden, ist noch immer ein Rätsel. Das verdächtigte Tiermehl mit steigenden Anteilen von BSE-kranken Kühen kann höchstens eine von mehreren Ursachen sein, denn wenn es exportiert wurde, richtete es außerhalb von Großbritannien praktisch keinen Schaden an. Als weitere Ursachen, die sich gegenseitig unterstützen können, kommen Inzuchtdefekte, Eiweißvergiftung wegen Überdosierung von Tiermehl im Kraftfutter, manganbelasteter Hühnerkot und andere Verunreinigungen im Tiermehl, der vielgefürchtete blutige Kälberdurchfall als krankheitsfördernder Faktor, stressbedingte Stoffwechselstörungen im Gehirn und das Insektizid Phosmet in Frage. Phosmet ist ein starkes Nervengift, das in den 1980er Jahren in Großbritannien gesetzlich zur Bekämpfung der Dasselfliege vorgeschrieben war. Den Rindern musste Phosmet halbjährlich in relativ hoher Dosierung auf den Nacken aufgetragen werden. Milchrinder durften schon sechs Stunden nach der Behandlung wieder gemolken werden, um Milch für den menschlichen Verzehr zu gewinnen. Ungeklärt ist bis heute, welche Folgen die Aufhebung des Phosmet-Gesetzes neben dem Verfütterungsverbot von Tiermehl an Rinder für den Rückgang von BSE in Großbritannien hatte.

Rätselhaft ist bis heute sogar, was überhaupt der Stoff ist, der Spongiforme Enzephalopathien erregen kann. Nach dem Nobelpreis-gekrönten Prion-Konzept von Stanley Prusiner soll er eine eiweißartige, erbgutfreie Substanz sein, die als Prion bezeichnet wurde. Als im Gehirn von SE-kranken Säugetieren molekulare Müllhalden eines körpereigenen, jedoch fehlgefalteten Proteins entdeckt wurden, wurde zunächst dieser Müll für das gesuchte Prion gehalten. Das Protein wurde daraufhin als Prionprotein bezeichnet. Die experimentelle Prüfung der Vermutung verlief negativ, denn mit künstlich hergestelltem Prionproteinmüll konnte keine Spongiforme Enzephalopathie verursacht werden. Prionenforscher wie etwa Adriano Aguzzi können daher wieder mit dem Gedanken leben, dass das SE-erregende Agens wider Erwarten doch ein Virus ist.

In Großbritannien hat die BSE-Katastrophe den ungezügelten Wachstumswahn mit Verlusten ohne Ende bestraft. Ungeheuerlich ist, dass seit Mai 1996 fast alle britischen Rinder vernichtet werden, die im Alter von über 30 Monaten aus der Nutzung genommen werden. Überschlagsmäßig sind dies rund eine Millionen Rinder pro Jahr, und dies jetzt schon im achten Jahr! Die Rinder werden erst zu Tiermehl verarbeitet und dann verbrannt. Rund 70% der anfallenden Kosten werden von der Europäischen Union bezahlt. Viele Tiermehlfabriken konnten so vor dem Konkurs gerettet werden. Der Massenvernichtung fallen hauptsächlich genusstaugliche Rinder zum Opfer. Angesichts des Hungers in der Welt ist diese Form der Marktbereinigung geradezu würdelos.

Zu den dynamischen Strukturen, die selbstverstärkend wachsen können, gehören auch Massenhysterien. Zwar ähneln sie Strohfeuern, die schnell wieder verlöschen, aber sie können lang anhaltende Spuren hinterlassen. Unerwünschte BSE-Meldungen haben in den vergangenen Jahren mehrfach Massenhysterien ausgelöst, in Deutschland Anfang 1997 und um die Jahreswende 2000/01. Die nächste Massenhysterie in Deutschland wird für den Fall erwartet, dass der Tod des ersten deutschen Opfers der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJD) gemeldet wird. Diese Krankheit ist wie BSE eine unheilbare Spongiforme Enzephalopathie. Seit ihrer Erstbeschreibung im Jahre 1996 gilt sie als Folge von BSE, verursacht durch den Verzehr von Fleisch BSE-kranker Kühe. Im Widerspruch zu dieser Vermutung steht jedoch die Erkenntnis, dass BSE und vCJD in Großbritannien entgegengesetzte Häufigkeitsverteilungen aufweisen: Die Zahl bekannter BSE-Fälle pro Tausend Rinder nimmt von Süden nach Norden ab, die Zahl der vCJD-Fälle pro einer Million Menschen von Norden nach Süden. Ungewiß bleibt, ob BSE die Ursache von vCJD ist oder ob es für beide eine gemeinsame Ursache gibt.

Aus Großbritannien sind bisher 101 bestätigte und 36 Verdachtsfälle von vCJD bekannt (Dezember 2003). Opfer sind vor allem junge Menschen. Außerhalb von Großbritannien ist vCJD bisher nur vereinzelt gefunden worden, in Deutschland noch überhaupt nicht. Die Krankheit ist also extrem selten. Es muss befremden, dass ein so extrem seltenes Krankheitsrisiko Massenhysterien und härteste politische Maßnahmen auslösen kann.

Gesetzt den Fall, BSE verursache tatsächlich vCJD. Wie gefährlich ist dann BSE für den Menschen? Aus Laborversuchen ist bekannt, dass Spongiforme Enzephalopathien (SEs) von toten auf lebende Tiere übertragen können, indem Hirnmasse kranker Tiere ins Gehirn gesunder Tiere gespritzt wird. Das ist seit vielen Jahren übliche Laborpraxis. Eine Übertragung auf dem Nahrungsweg ist auch möglich, aber bei Versuchmäusen nur mit der 100.000-fachen Dosis im Jugendalter, doch nicht einmal dann erkranken sie alle. Wird die Hirnmasse vorher noch gekocht oder gebraten, sind noch größere Mengen nötig, weil über 95 % des erregenden Agens durch Hitze zerstört wird. Schweine, ebenfalls Allesfresser, konnten auf dem Nahrungsweg nicht krank gemacht werden. Zoologisch wird der Mensch wie die Maus und das Schwein als Allesfresser bezeichnet. Es kann also damit gerechnet werden, dass das BSE-erregende Agens nach der Aufnahme mit der Nahrung auch für den Menschen eine nur sehr geringe Penetranz (erfolgreiches Vordringen in den Körper) hat. Der Gesichtspunkt der Penetranz wurde politisch immer wieder übersehen.

Nicht nur dieses Versäumnis hat dazu führen können, dass Meldungen über BSE zu Panikreaktionen führen. Es gibt eine weitere, politische Ursache: BSE wird aus rein politischen Gründen hartnäckig als Tierseuche bezeichnet. Möglich ist dies, weil die Internationale Organisation für Tiergesundheit (O.I.E.) außer ansteckenden auch alle anderen Tierkrankheiten zu Tierseuchen erklärt hat, die große wirtschaftliche Schäden anrichten und den internationalen Handel behindern können. Massenhysterien als Folge unerwünschter BSE-Meldungen werden zu den Schadensauslösern gerechnet. Die menschliche Reaktion auf eine seltene, nicht ansteckende Tierkrankheit macht diese zur „Seuche“.

Der normale Mensch versteht Seuchen nicht politisch, sondern medizinisch, als hoch ansteckende schwere Krankheiten, die sich in Windeseile ausbreiten können. Darum flößt dem normalen Menschen die Rede von der Rinderseuche BSE große Sorge ein. Und weil er dann mit Panik reagiert, wird politisch noch stärker am Seuchenbegriff festgehalten, weil nur mit dem Tierseuchenrecht Tötungen gesunder Haustiere erzwungen werden können, z.B. um Märkte zu entlasten. Das Argument der Marktentlastung wird öffentlich natürlich nie genannt werden. Es wird getarnt mit der Redewendung: „Nicht mit letzter Sicherheit kann ausgeschlossen werden, dass von den zu tötenden Tieren eine Gesundheitsgefahr für den Menschen ausgeht.“ So wird Bedrohung selbst dort erzeugt, wo keine ist. Mit dem als Verbraucherschutz getarnten Argument wurde in Deutschland 1997 die BSE-Schutzverordnung durchgesetzt, deren Vollzug von Verwaltungsgerichten aller Instanzen als illegal beurteilt wurde. Politische Unwahrhaftigkeiten dieser Art haben das BSE-Problem immer wieder verschärft. Man wollte das Gute für den Rindfleischmarkt und schuf das Schlechte.

Die gegenwärtigen deutschen Maßnahmen gegen BSE umfassen das vollständige Verfütterungsverbot von Tiermehlen an Haustiere, BSE-Tests für alle verendeten Rinder und alle über 24 Monate alten Schlachtrinder, die Entfernung aller so genannten Risiko-Organe und die Kohortenkeulung für den Fall, dass auf einem Betrieb BSE aufgetreten ist. Gemessen am winzigen Risiko, dass unter einer Million Deutschen auch nur einer an vCJD erkranken könnte, erscheinen die Maßnahmen unverhältnismäßig streng und teuer. Viel effektiver wäre, Bauern für die Früherkennung von BSE-Verdachtsfällen zu schulen und sie bei Meldung solcher Fälle zu honorieren. So aber wird das grundgesetzlich verankerte Gebot der Verhältnismäßigkeit der Mittel offensichtlich verletzt. Es ist höchste Zeit,

  • dass die Politik mehr Wahrhaftigkeit und die Wissenschaft mehr Ideenreichtum und Sorgfalt im Umgang mit BSE und vCJD aufbringen,
  • dass der Seuchenbegriff nur noch im medizinischen und nicht mehr im politischen Sinne benutzt wird,
  • dass die unverhältnismäßigen Maßnahmen gegen BSE durch verhältnismäßige abgelöst werden und
  • dass das Rind nicht mehr als Gefahrenquelle bekämpft wird („Das Rind ist durch eine Vielzahl von Schutzmaßnahmen umzingelt“, so Renate Künast), sondern als das, was es schon immer war: als Lieferant wertvoller Nahrungsmittel, der schonenden Umgang verdient.

 

Prof. Dr. Sievert Lorenzen, Zoologisches Institut der Universität Kiel

 

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