Parlamentarischer Abend der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tierzüchter e.V.

Vortragsreihe und parlamentarischer Abend zu aktuellen Fragen des Tierschutzes und der Tiergesundheit

Im Rahmen der Konferenz wurden Fachvorträge über 3 Themengebiete gehalten: Europäische Forschungsarbeit zu Tierschutzindikatoren und mögliche Tierschutzetikettierung, die Blauzungenkrankheit sowie Kontrolle von Salmonellenbefall bei Vieh. Danach gab es jeweils beschränkte Möglichkeiten für Stellungnahmen seitens der Betroffenen, so auch für PROVIEH zum Thema Tierschutzindikatoren.

Zum ersten Mal hatte die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tierzüchter e.V. bei ihrer diesjährigen Mitgliederversammlung in Brüssel (am 15. Oktober) auch Nicht-Mitglieder als Gäste zum Vortragsteil ihrer Veranstaltung eingeladen, um die Debatte zu öffnen und durch neue Perspektiven zu beleben. Moderiert wurde die Konferenz, zu der alljährlich auch Vertreter der europäischen Kommission (alleiniges Initiativrecht für Gesetzesvorhaben auf europäischer Ebene) von Reimer Böge. Er ist Mitglied des Europaparlaments und war bis vor kurzem langjähriges Mitglied des Agrarausschusses. Herr Böge bot den anwesenden Vertreterinnen und Vertretern von Tierschutzvereinigungen dann auch Gelegenheit zur direkten Stellungnahme nach dem ersten Vortrag über den derzeitigen Stand der Forschung zu Tierschutzindikatoren. Dieser wurde von Frau Bettina Bock von der Universität Wageningen gehalten. Im Rahmen des Vortrags stellte Frau Bock das auf Initiative der EU-Kommission durchgeführte Welfare Quality Forschungsprojekt vor, das noch bis Mai 2009 läuft. Leider ist diese Forschungsarbeit zwar inhaltlich richtig und gut angelegt, aber durch zu starke Einschränkung auf vor allem nord-westeuropäische Länder keine gute Basis für späteren Konsens und EU-Rechtslegung.
(Mehr zur Tierschutzetikettierung hier)

 

Der zweite Vortrag beschäftigte sich mit der Ausbreitung der Blauzungenkrankheit in ganz Europa. Der letzte Stand: Erste Fälle sind auf Lolland (Dänemark) aufgetreten, die 150 km Schutzzone erreicht damit bereits Schweden. Seit alle Mitgliedsstaaten potentiell von der Seuche bedroht sind gibt es plötzlich mehr Zustimmung zu Maßnahmen wie Impfungen und Aufhebung von Handelsrestriktionen, die bisher von vielen nicht betroffenen Ländern blockiert worden waren. Der vortragende Alf-Eckbert Füssel von der EU-Kommission kündigte an, dass der Veterinärausschuss eine neue Verordnung verabschiedet habe, so dass künftig Tiere, die nicht aktuell erkrankt sind, unabhängig von ihrem vorherigen serologischen Zustand, aus der 20 km Restriktionszone heraus verbracht werden dürfen, de facto also eine Abschaffung des bisher sehr eng gefassten Handels- und Transportverbots. Wenn ein Tier dementsprechend einen BTV Infekt überstanden hat, darf es in Zukunft gehandelt werden, also eine gute Nachricht für alle betroffenen Tierhalter. Zudem wird bei der innergemeinschaftlichen Verbringung von negativ getesteten Tieren aus Restriktionsgebieten jetzt die Zustimmungspflicht des Bestimmungslandes aufgehoben.

 

Vorbeugende Insektizidbehandlung der Tiere gegen die das Virus übertragenden Gnitzen wurde – nicht ohne Protest seitens der Rinderzüchter - als ineffizient bezeichnet und von den Experten der Kommission als Schutzmassnahme verworfen. Impfungen stehen nun als Mittel der Wahl im Vordergrund. Der Handel mit "geimpftem Fleisch" wird wohl - wenn denn endlich mal ein Impfstoff auf dem Markt sein wird (man rechnet mit Sommer 2008) - erlaubt werden. Allerdings hilft die EU nicht bei der Entwicklung eines solchen Impfstoffes mit: Da der Absatzmarkt sehr groß sein wird geht man davon aus, dass die schon eifrig forschende Pharmaindustrie im eigenen Interesse "so schnell wie möglich" Impfstoffe auf den Markt bringen wird. Die EU-Kommission will ihrerseits dann ein beschleunigtes Zulassungsverfahren anwenden. Die anwesenden Vertreter der Schaf- und Rinderzüchter waren enttäuscht und richteten eindringliche Appelle an die Kommissionsvertreter, wenigstens die wirtschaftlichen Schäden der Landwirte künftig vollständiger abzudecken, um den Ruin vieler Landwirte abzuwenden; bei einem milden Winter rechnet man mit einem katastrophalem Ausbruch im Frühjahr 2008.

 

Im letzten Vortrag - über die Kontrolle des Salmonellenbefalls bei Hühnervögeln und Schweinen - wurde hervorgehoben, dass neben Kontrollen von Tieren und Primärerzeugnissen künftig auch Futtermittel in die Salmonellenkontrolle einbezogen werden. Die anwesenden Schweinezüchter beharrten auf der Notwendigkeit, auch in Schlachtereibetrieben künftig Kontrollen durchzuführen, worauf sich der Kommissionsexperte allerdings nicht festlegte (nur bei Schweineschlachtkörpern wurden bisher Stichproben genommen). Auch werden inzwischen Erhebungen über die Ausbreitung von Salmonellen in allen Mitgliedsländern vorgenommen, um Ausgangswerte zu ermitteln und den Handlungsbedarf zu ermitteln. Diese Prozedur wird sich noch über einige Jahre hinziehen, da die Arbeiten sehr umfangreich sind. Weder Kommissionsvertreter noch Tierzüchter gehen davon aus, dass man Salmonellenfreiheit tatsächlich erreichen kann, es geht nur um Maßnahmen zur Eindämmung und weitgehender Vermeidung von Gesundheitsrisiken durch umfassende Hygienemaßnahmen. Man war sich einig, dass man den Verbraucher nicht in falscher Sicherheit wiegen sollte, daher gilt auch weiterhin: Eier sowie Hühner- und Schweinefleisch nur gut gegart verzehren, Hackfleisch und andere Fleischprodukte nicht an der Luft auftauen bzw. stundenlang bei Raumtemperatur lagern. Und: Achtung bei importierten Eiern aus den USA! Dort dürfen die Eier nämlich mit Antibiotika gespritzt werden, was bei uns in Europa verboten ist. Da greifen wir doch lieber zur frischen Bioware aus dem Umland…

 

Sabine Ohm, Brüssel, 16. Oktober 2007

 


 

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