Ferkelkastration: Schmerzmittel wird neues KO-Kriterium bei QS

25.05.2010: Wer bei der Ferkelkastration kein Schmerzmittel verabreicht, wird künftig aus dem System von "QS - Qualität und Sicherheit" ausgeschlossen.

Laut Meldung des Deutschen Bauernverbandes (DBV) in seinem Mitgliederblatt BauernInfo Schwein Nr. 20/2010 vom 21. Mai 2010 müssen Schweinefleischerzeuger, die das Siegel des Zertifizierers QS tragen, ab dem 1. Januar 2011 streng darauf achten, dass den Ferkeln zumindest nach der Kastration ein schmerzstillendes Mittel verabreicht wurde.

PROVIEH hatte im Juli 2008 eine offensive Kampagne gegen die betäubungslose Ferkelkastration in Deutschland gestartet. Jährlich werden hierzulande immer noch über 20 Millionen männliche Ferkel vorbeugend kastriert um zu verhindern, dass sie später eventuell durch Geschlechtshormone "Ebergeruch" entwickeln. Das bringt unnötiges Leid für die Tiere mit sich, da dies ohne Betäubung geschieht – außer auf Neuland-Betrieben, auf denen die Tiere seit Mai 2008 vor der Kastration mit dem Narkosegas Isofluran betäubt werden und auch eine postoperative Schmerzbehandlung bekommen.

Die Kastration erzeugt nicht nur Qual bei den Ferkeln, sondern kostet auch Zeit und birgt ein Infektionsrisiko. Zudem verwerten Kastraten das Futter schlechter als Eber. Um das gleiche Schlachtgewicht zu erreichen, müssen Kastraten also mehr fressen und scheiden deshalb auch mehr Kot und Urin aus als Eber.

Am 28. September 2008 gaben der DBV, der Verband der Fleischwirtschaft (VDF) und der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) die "Düsseldorfer Erklärung" ab, in der sie die Abschaffung der Ferkelkastration als oberstes Ziel festlegten. Aber dann geschah erstmal nichts, so dass PROVIEH den Kampagnendruck erhöhte. Zum 01.04.09 wurde dann als erster Zwischenschritt die Schmerzbehandlung bei der Ferkelkastration ein verpflichtendes QS-Kriterium. Unter dem Siegel des Zertifizierungsunternehmens QS wird ca. 90 % allen Schweinefleischs in deutschen Supermärkten verkauft, so dass die Unternehmensentscheidungen durchaus weit reichende Folgen haben. Bei Nichteinhaltung bekamen QS-Mitgliedsbetriebe bisher allerdings nur ein "D" als Note, was lediglich zur Verschlechterung der Statusbewertung führte. Nun hat der QS-Fachbeirat auf seiner Sitzung am 19. Mai 2010 beschlossen, dass ab dem 1. Januar 2011 die Nichterfüllung des Schmerzmitteleinsatzes bei QS zum "KO-Kriterium" wird.

Allerdings beweist diese Maßnahme noch nicht, dass bei QS der Tierschutz ernster genommen wird. Noch zu oft decken Tierschützer Missstände, die von QS nicht entdeckt wurden, auf. Trotzdem verlassen sich die Veterinärämter zunehmend auf den privatwirtschaftlichen Zertifizierer QS (siehe Interview S.3 im QS-Infobrief Nr. 62 Fleisch und Fleischwaren, 12.05.2010). Insgesamt verhält sich QS noch zu intransparent und es bewegt sich zu wenig, so dass der Deutsche Tierschutzbund aus dem Kuratorium austrat. Somit ist kein Tierschutzverein mehr in diesem ansonsten branchenübergreifenden Unternehmen vertreten. Zur Intransparenz gehört auch, dass kaum kontrolliert werden kann, ob und wann bei der Kastration tatsächlich Schmerzmittel verabreicht wurden. Erschwerend kommt hinzu, dass die herkömmlich verwendeten Mittel (z. B. Meloxicam/Flunixin) erst etwa 20 Minuten nach der Gabe wirken. Da man nicht davon ausgehen kann, dass die Tiere zweimal gefangen werden – einmal zur Medikamentengabe und 20 Minuten später zur Kastration – erleiden die Tiere weiterhin bei vollem Bewusstsein die Qual der Kastration, bei der der Hodensack mit einem Messer aufgeschlitzt, die Hoden mit zwei Fingern herausgequetscht und dann abgeschnitten (z. T. sogar abgerissen) werden. Der postoperative Schmerz dauert zudem etwa 2-3 Tage, die schmerzstillenden Mittel wirken aber höchstens 12-16 Stunden.

Wegen der Nachteile von Kastration und Kastratenmast und wegen der Vorteile der Jungebermast setzt sich PROVIEH daher weiter vehement für die Abschaffung der Ferkelkastration ein. Angestrebt wird ein Umstieg auf die Ebermast bis Ende 2011. McDonald’s und Burger King steigen in Deutschland bereits bis spätestens 1. Januar 2011 aus dem Verkauf von Kastratenfleisch aus. In den Niederlanden haben schon zahlreiche Supermarktketten Eberfleisch im Angebot. Noch ziert sich der deutsche Lebensmitteleinzelhandel offiziell, dem niederländischen Beispiel zu folgen. Aber die Forschung über die spezifischen Fütterungsbedürfnisse der Eber, die separate Abrechnung wegen geänderter Schlachtkörperstruktur (Eber haben weniger Fett und mehr wertvolle Muskelfleischanteile als Kastraten) und die Identifizierung der geruchsauffälligen Tiere sind bereits so weit fortgeschritten, dass in verschiedenen Schlachthöfen in Deutschland und den Niederlanden bereits weit über 20.000 Eber pro Woche geschlachtet und verarbeitet werden – bisher ohne jede Reklamation wegen "Ebergeruchs"!

Sowohl in Deutschland (am Fraunhofer Institut) als auch in den Niederlanden wird an der Entwicklung einer "elektronischen Nase" zur automatischen Erkennung von Ebergeruch am Schlachtband gearbeitet. Laut Zentralverband der Deutschen Schweineproduktion e. V. (ZDS) ist es dem niederländischen Wissenschaftler Coen van Wagenberg von der Universität Wageningen jüngst gelungen, weitere Komponenten für den Ebergeruch zu bestimmen (siehe hierzu auch TopAgrar vom 14. April 2010). Bisher galten einzig Skatol, Indol und Androsthenon als "verantwortlich" für den Ebergeruch. Die Forschungsarbeit wurde der Öffentlichkeit bisher leider nicht zugänglich gemacht.

Angesichts der rapiden Entwicklungen zur Abschaffung der Ferkelkastration besonders in Deutschland und den Niederlanden veranstaltet die EU-Kommission im Juni 2010 in Brüssel einen Workshop, an dem auch PROVIEH teilnehmen wird. Dort sollen Erfahrungen bezüglich der Alternativen zur Ferkelkastration, die in verschiedenen Mitgliedsstaaten schon gesammelt wurden, ausgetauscht und erörtert werden. Betont sei in diesem Zusammenhang, dass in Großbritannien schon seit über 20 Jahren Ferkel nicht mehr kastriert werden. Auch auf dem Workshop wird PROVIEH Aufklärung gegen die noch immer verbreiteten Mythen der Ferkelkastration betreiben. Schon jetzt ist klar: Die ewig Gestrigen können den Prozess hin zur Jungebermast nicht mehr aufhalten.

Sabine Ohm, Europareferentin