Industrielle Intensivtierhaltung greift unsere Gesundheit an

25.05.2010: Lobbyisten der Intensivtierhaltung versuchen mit Ammenmärchen uns von den Übeln der Massentierhaltung abzulenken, die nicht nur den Tieren schaden, sondern auch den Menschen bedrohen.

Der Spruch "Du bist, was Du isst" wird von Befürwortern der Massentierhaltung oft belächelt und abgetan. Seit Jahrzehnten versuchen sie, die tierquälerischen Zustände ihrer Intensivtierhaltung vor uns zu verbergen. Informationen über diese Zustände gelangen vor allem durch die Kampagnenarbeit vieler engagierter TierschützerInnen weltweit an die Öffentlichkeit. Lobbyisten verteidigen die Intensivtierhaltung mit der Behauptung, sie hätte keinen negativen Einfluss auf die Qualität der Erzeugnisse und das Wohlergehen der Tiere. Ganz Dreiste behaupten sogar das Gegenteil, z. B. dass in der Käfighaltung Legehennen besser vor Parasiten und Krankheitserregern geschützt seien als in der Freilandhaltung. Diese Behauptung ist mittlerweile als Ammenmärchen entlarvt worden. Dennoch wurde sie zur Grundlage für das wissenschaftlich unhaltbare Aufstallungsgebot von Geflügel. Ausnahmen vom Gebot werden zwar gewährt, sind aber jederzeit widerrufbar. So werden Planungen der Freilandgeflügelhalter behindert, während die industriellen Geflügelhalter als Retter vor der Geflügelpest geadelt wurden, obwohl sie nachweislich die Bedingungen für die Entstehung und Ausbreitung des Geflügelpest-Virus H5N1 geschaffen haben. Dieses Beispiel zeigt, wie Lobbyisten Politiker und die übrige Bevölkerung in die Irre leiten.

Das Irreleiten kann auch durch gezieltes Totschweigen erreicht werden, wie ein anderes Problem zeigt. Es handelt von der zunehmenden Antibiotikaresistenz von Bakterien bei Nutztieren und Menschen durch den massiven Medikamenteneinsatz in der Intensivtierhaltung. In den Niederlanden lag bereits 2009 eine Studie (Englische Zusammenfassung auf S. 11-12) zur Ausbreitung von MRSA (Multi-resistenter-Staphylococcus-Aureus) durch die Tierhaltung vor. Dies veranlasste die holländische Regierung zu Maßnahmen. Unter anderem wurde der Verkauf von Antibiotika durch Tierärzte an ihre Kunden – die Landwirte – unter Aufsicht gestellt. Auch Obama will den Antibiotikamissbrauch in den USA eindämmen. In der Schweiz sind die so genannten antimikrobiellen Wachstumsförderer schon seit 1999 verboten. Über den therapeutischen und vorbeugenden Einsatz von Antibiotika muss jeder Tierhalter Buch führen. In Deutschland dagegen verschlief man die Warnsignale. Erst im April 2010 gab das Bundesinstitut für Risikobewertung eine erste zaghafte, regional sehr beschränkte Studie "VetCAb" zur Erfassung des Antibiotikaverbrauchs in der Nutztierhaltung in Auftrag. Einmal mehr wurde mit dem Ruf nach Forschung die Lösung eines schon jetzt bekannten und lösbaren Problems auf später verschoben.

In einer vom "Journal of Medical Microbiology" veröffentlichten Studie von 2009 analysierten Forscher der Universität Hong Kong 250 Stuhlproben von Menschen und Kot von Nutztieren auf das Gen "aacC2". Dieses Gen macht das Escherichia coli-Bakterium, den wichtigsten Verursacher für Harnwegsinfekte, resistent gegen das Antibiotikum Gentamicin. 80 % der menschlichen und der tierischen Kotproben waren positiv. Die Lage des Gens auf der DNA lässt laut Aussage der Wissenschaftler darauf schließen, dass es horizontal zwischen Bakterienpopulationen verschiedener Arten übertragen werden kann. In einer älteren Studie (Journal of Clinical Microbiology, 2005) zeigten nordamerikanische Wissenschaftler, dass Harnwegsinfekte bei Frauen aus verschiedenen US-Staaten auf denselben antibiotikaresistenten Escherichia coli-Stamm aus Rindermägen zurückgingen. In einem Interview sagte der Infektiologe Wolfgang Graninger vom AKH Wien zu solchen Fällen: "Es ist natürlich unangenehm, wenn man sich durch einen McDonald’s-Besuch eine Antibiotikaresistenz einhandelt." Davor schützen könne man sich nicht. Daher wertet der Mediziner das Phänomen als "Fluch der Nahrungskonzerne" (mehr hierzu hier).

Auch bei den antibiotikaresistenten Campylobakter-Durchfallkeimen, die bei Hühnern weit verbreitet sind, ist die Übertragung von Tier auf Mensch laut Expertenmeinung sehr wahrscheinlich. Aber statt den Gebrauch der antibiotischen Keule zu verringern und die Tiergesundheit auf anderen Wegen zu verbessern, wird eifrig nach neuen Substanzen geforscht, die z. B. die Antibiotikaresistenz von Campylobakterbakterien verhindern könnten (mehr dazu hier).

Antibiotika zur Mastbeschleunigung zu benutzen, ist in der EU seit dem 1. Januar 2006 endlich offiziell verboten. Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass Großmäster dieses Verbot gerne dadurch unterlaufen, dass sie beim leisesten Anflug einer Krankheit eines Tieres gleich alle Tiere im Stall – bei Broilern bis zu 40.000 pro Stalleinheit – vorbeugend mitbehandeln. Die Medikamente sind billig, können leicht beschafft werden und haben für die Mäster einen höchst willkommenen Effekt, der als Leistungssteigerung wahrgenommen wird: Mit Antibiotika vermischtes Futter wird von den Tieren besser verwertet (mehr dazu hier).

Neben der Entwicklung antibiotikaresistenter Bakterien wird die Krankheitsanfälligkeit von industriell gehaltenen Nutztieren auch gesteigert durch die enge Besatzdichte in den Ställen, durch einseitig auf Hochleistung gezüchtete debile Rassen mit reduziertem Genpool und durch völlig unnatürliche Lebensbedingungen ohne ausreichend Licht, ohne saubere Luft, ohne Auslauf bzw. Bewegung und ohne Möglichkeiten zur Ausübung natürlicher Verhaltensweisen. Tiere werden so zur leichten Beute für Erreger gemacht.

Gemeinsam mit den Bündnispartnern der Plattform "Bauernhöfe statt Agrarfabriken" schlägt PROVIEH daher ein Umdenken in der Tierhaltung vor: Ökologische, artgerechte Tierhaltung mit robusteren Rassen sind der beste Garant für gesunde, nachhaltig erzeugte Nahrungsmittel. Weniger ist auch in diesem Fall mehr, vor allem mittel- und langfristig. Ein Umdenken bei Konsumenten und ein Umlenken in der Agrarpolitik sind unerlässlich, um endlich nachhaltige Produktions- und Konsummuster zu schaffen, die zu weniger und dafür schonenderer Erzeugung tierischer Produkte und zu erheblich reduziertem Verzehr von ihnen führen.

Auch in den Niederlanden forderten über 100 Universitätsprofessoren in einem Positionspapier unter dem Motto "Stoppt die organisierte Verantwortungslosigkeit" im Mai 2010 die Regierung dazu auf, endlich Maßnahmen gegen die industrielle Intensivtierhaltung und die Nutzung von Antibiotika und Hormonen bei der Erzeugung tierischer Produkte zu ergreifen. Sie prangern die bisher von der Mehrheit ignorierten Auswüchse wie die tierquälerischen Verstümmelungen und inadäquaten Haltungsbedingungen an. Als weitere Argumente führen sie u. a. die Klima-, Gesundheits- und Umweltschädigungen sowie den hohen Ressourcenverbrauch gegen das bestehende industrielle System an.

Warum Intensivtierhaltung nicht nur tierquälerisch und ungesund, sondern auch unökologisch, unökonomisch, ungerecht und unethisch ist, haben wir für Sie in einem kurzen Thesenpapier zusammengefasst.

25.05.2010 - Sabine Ohm, Europareferentin