Gen-Milch im Visier, Milchpreise noch immer viel zu niedrig

26.08.2010, Forscher weisen Gene aus gentechnisch veränderten Futtermitteln (GVO) in der Milch und in Tierorganen nach. Wer schlau ist, kauft Gentechnik-freie Milch, deren Angebot zunimmt.

Befürworter der Agro-Gentechnik und die Europäische Lebensmittelaufsichtsbehörde EFSA behaupteten bisher steif und fest, das GVO-Futter hinterließe keine Spuren in den Tieren. Dem widerspricht der ausgewiesene Gentechnikexperte Christoph Then, Gründer und Leiter der Nichtregierungsorganisation Testbiotech. Er durchforstete alle verfügbaren Studien zum Thema und fand, dass Genabschnitte aus gentechnisch veränderten Pflanzen immer häufiger in Erzeugnissen gefunden werden, die von Tieren stammen, die mit GVO gefüttert wurden. Gerade in industriellen Massentierhaltungen kommt verstärkt Gensoja zum Einsatz (Sojaanteil am Kraftfutter ca. 80 %). "Es ist allerdings schon seit Jahren bekannt, dass pflanzliche Erbsubstanz bei der Verdauung nicht vollständig abgebaut wird, sondern im Blut und inneren Organen gefunden werden kann" sagte Then in einem Interview gegenüber pressetext. Und im eigenen Bericht auf der Homepage führt er an: "Wissenschaftler aus Italien berichteten im April 2010, dass Gene von gentechnisch veränderter Soja in der Milch von Ziegen aufgespürt wurden. Es wird angenommen, dass diese Gen-Abschnitte aus den Verdauungsorganen über das Blut in Euter und in die Milch gelangten. Auch in den Zicklein, die mit der Milch dieser Ziegen gefüttert wurden, fanden sich die Genfragmente."

Noch ist nicht geklärt, in wie weit dies mit Gesundheitsgefährdungen für den Menschen verbunden ist. Trotzdem sollten die bekannt gewordenen Ergebnisse auf jeden Fall zu einer umfassenden Etikettierungspflicht für alle tierischen Erzeugnisse von mit GVO gefütterten Tieren führen. Die Konsumenten haben das Recht auf eine informierte Wahl!

Diese Wahl haben VerbraucherInnen mittlerweile zumindest bei der Milch immer häufiger. Neben der gentechnikfreien Biomilch gibt es nämlich einige positive Entwicklungen im konventionellen Lebensmitteleinzelhandel und bei Discountern: Nachdem Lidl, Rewe und tegut bereits Anfang des Jahres 2010 mit gutem Beispiel vorangegangen sind (wir berichteten), bietet nun auch EDEKA ab 2. September 2010 in ihren Filialen GVO-freie Milch an. Wie sehr sich der Umstieg bezahlt macht, zeigt das Beispiel des niederländischen Konzerns Friesland Campina: Das weltweit größte Molkereiunternehmen Campina gab 2008 bekannt, dass seine Lieferanten auf Genfutter verzichten, also noch vor dem offiziellen Siegel des Bundeslandwirtschaftsministeriums "Ohne Gentechnik" (August 2009). Gleichzeitig führte Campina für seine Starmarke Landliebe eine eigene "Gentechnik-frei" Etikettierung ein. Seitdem erzielte das Unternehmen eine Umsatzsteigerung von rund 15 %. Auch Lidl feierte in diesem Jahr in Bayern schon erste Erfolge mit seinen neuen Milchprodukten "Ein gutes Stück Heimat". Lidl zahlte den Bauern daraufhin höhere – wenn auch noch keine kostendeckenden – Preise.

Auch in der konventionellen Milchwirtschaft haben die Literpreise nach dem "Katastrophenjahr" 2009 (22 Cent/l bei 3,7 Prozent Fett und 3,4 Prozent Eiweiß) in den vergangenen Monaten etwas zugelegt: Für Juli 2010 werden Preise um 30 Cent pro Liter erwartet. Wundert Sie, dass man im August den genauen Preis noch immer nicht kennt? Es ist wirklich erstaunlich, aber die Milchbauern in Deutschland wissen bei der Lieferung nie, was sie später für ihre Milch bekommen werden; denn das hängt von vielen Kriterien ab, die für den Lieferanten – also den Milcherzeuger – überhaupt nicht überprüfbar sind (wie bei den Kassenärztlichen Vereinigungen, bei denen auch kein Mensch versteht, wie am Quartalsende die Einnahmen auf die Allgemeinärzte verteilt werden!).

Von Entwarnung am Milchmarkt kann jedenfalls nicht die Rede sein. Die auf Druck von Molkereien und Handelskonzernen weiterhin zu niedrigen "Milchauszahlungspreise" (Erzeugerpreise) reichen den meisten Betrieben, vor allem den kleinen und mittleren, noch bei weitem nicht zum Überleben. Dafür wären Literpreise um 40 Cent vonnöten. Die Ersparnisse sind inzwischen vielerorts aufgebraucht, und die Familien arbeiten längst weit über die Schmerzgrenze hinaus. Das dramatische Milchbauernsterben geht also ungebremst weiter.

Die von der EU-Kommission im Herbst 2009 einberufene "hochrangige Expertengruppe zum Thema Milch" hat noch kein brauchbares Ergebnis zur Lösung der Milchmarktkrise zustande gebracht. Der Abschlussbericht vom 15. Juni 2010 geht über die seit langem diskutierten Empfehlungen kaum hinaus. Auch die Frage, wer eigentlich den Reibach mit den Milcherzeugnissen macht und wie die Gewinne in dieser Wertschöpfungskette ausgewogenen verteilt werden können, wurde nicht kompetent beantwortet. Das Heil solle in mehr Verhandlungsmacht für die Milchbauern gesucht werden. Doch die Bauern sehen sich einem immer mächtiger werdenden Oligopol der Abnehmer gegenüber – was Wunder, wenn die Wettbewerbsaufsicht immer wieder Fusionen wie die von Friesland Campina erlaubt, so dass die Zahl der Abnehmer zwangsläufig sinkt. Aus kartellrechtlichen Gründen durften sich Bauern bisher nicht untereinander absprechen, nun sollen sie sich wenigstens vermehrt zusammenschließen können. Oder es könnten zwangsweise auch längerfristige Lieferverträge eingeführt werden. Dadurch würden die Bauern allerdings ihre traditionelle bäuerliche Unabhängigkeit einbüßen. Deshalb protestierten über 1.000 Milchbauern aus Deutschland, Frankreich, Holland, Italien, Luxemburg, Belgien und Österreich Anfang Juli 2010 in Brüssel gegen die "Expertenempfehlungen". Die EU-Kommission selbst will sich erst gegen Ende 2010 äußern, d.h. es gehen wieder kostbare Monate verloren, in denen die Bauern dringend Unterstützung nötig hätten.

Noch immer sprechen die Zahlen von großer Not: Allein im Jahr 2009 gaben in Deutschland wieder fast 4.000 Milchbauern auf. Dies bedeutet einen Rückgang der Milchbetriebe um noch einmal 4 % auf ca. 93.500 - zehn Jahre zuvor gab es noch mehr als 150.000 (1999). Die Zahl der Kühe nahm 2009 nur um 0,5 % auf ca. 4,2 Mio. Tiere ab – das heißt, in den Melkkarussells der industriellen Massentierhalter werden nun noch mehr Tiere gequält, da vor allem kleine und mittlere Betriebe aufgaben.

Trotz steigender Preise für Milchprodukte, auch im Ausland, bleiben die Milchbauern weiter abhängig von den Subventionen aus Brüssel. Und da gilt leider immer noch: je größer, desto mehr. Aus unserer Sicht der falsche Weg. Auch die Europäische Milchbauernvereinigung EMB (European Milk Board) hat eigene Vorstellungen entwickelt. Das EMB wurde gegründet, weil es den Milchbauern immer schlechter ging und viele sich von den Mainstream Bauernverbänden nicht richtig vertreten fühlten. Der deutsche Vorsitzende Romuald Schaber kritisierte die derzeitige Milchmarktpolitik der EU und die Vorschläge der Expertengruppe bereits wiederholt als völlig unzureichend. Das EMB hat deshalb für den 22. September 2010 zu einer Großdemo in Straßburg vor dem Europäischen Parlament aufgerufen.

Das EMB und auch PROVIEH setzen sich im Rahmen der Initiative arc (agricultural and rural convention) für eine Reform der Agrarpolitik ein, damit künftig nur noch umwelt- und tierfreundliche Erzeuger Gelder aus den EU-Agrartöpfen erhalten – als Ausgleich für die Bereitstellung öffentlicher Güter wie die Landschaftspflege (z.B. durch Grünlandnutzung mit Weidegang), den Erhalt ländlicher Strukturen (z.B. durch den Erhalt von Arbeitsplätzen), schonenden Umgang mit den Ressourcen und – von VerbraucherInnen mehrheitlich gewünscht – artgerechte Tierhaltung (mehr dazu hier).

26.08.2010 - Sabine Ohm, Europareferentin