Hähnchenmarkt droht der Zusammenbruch

29.09.2010: Der derzeitige Baumboom neuer Intensivmastanlagen für Hähnchen und neuer Großschlachthöfe wie dem in Wietze führt zu ruinösen Überkapazitäten. Der Geflügelmarkt-Experte Prof. Hans-Wilhelm Windhorst warnt in der Fachzeitschrift "DGS Magazin" (Ausgabe 35/2010), dass es durch den Verdrängungswettbewerb "zu einem Zusammenbruch ganzer Produktionsketten" kommen werde.

"Platzt die agrarindustrielle Spekulationsblase, dann gehen nur ein paar Große mit Rendite aus dem Rennen und die Ställe vieler Bauern bleiben leer.", äußerte sich PROVIEH zum grassierenden Geflügelwahnsinn am 13.09.2010 in einem Gastkommentar in der Braunschweiger Zeitung. "Die eigentlichen Leidtragenden bleiben die Millionen von Tieren." Sie sind in den Augen der Agrarindustriellen lediglich Produktionsmittel. Statt ihre angeborenen Lebensbedürfnisse besser zu berücksichtigen, werden sie weiter auf absurd schnelles Wachstum gezüchtet. Bricht der Markt ein, wird zuerst am Wohlergehen der Hühner gespart und dann drohen Massenkeulungen aus fadenscheinigen Gründen, wie im Dezember 2008 in der Cloppenburger Putenmast geschehen.

Auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), Partner von PROVIEH im Netzwerk "Bauernhöfe statt Agrarfabriken" und im Agrarbündnis, sieht sich in ihrer Einschätzung bestätigt. Ihr Sprecher Eckehard Niemann fasst die Marktanalyse des agrarindustrienahen ehemaligen Leiters des ISPA-Instituts an der Universität Vechta, Prof. Windhorst, in einer Pressemitteilung zusammen:

"In seiner Analyse "Wachstum als Risiko?" beschreibt Windhorst die derzeit laufende massive Erweiterung der Schlachtkapazitäten in der Hähnchenbranche: vor allem durch den Schlachthof-Neubau des Rothkötter-Konzerns in Wietze (bei Celle) und – als Reaktion darauf - auch durch den Ausbau von Schlachtkapazitäten bei dessen Konkurrenten Wiesenhof, Sprehe, Stolle und Friki. Die in diesem Verdrängungswettbewerb produzierten Überschüsse belaufen sich laut Windhorst auf "weit mehr als das Doppelte des wahrscheinlichen Zusatzbedarfs" auf ohnehin gesättigten Märkten.

Schon 2011 und danach noch verstärkt werde somit weit über die Aufnahmefähigkeit der deutschen, der europäischen und voraussichtlich auch der internationalen Märkte hinaus produziert werden. Windhorst warnt, infolge dieser Überschüsse werde in der ganzen Produktionskette bald kein Geld mehr verdient werden. Es werde "zu einer Reduzierung der Kapazität kommen oder auch zu einem Zusammenbruch ganzer Produktionsketten". Diese werde nicht nur zu einer Unterauslastung oder zu einem Zusammenbruch von Schlacht- und Verarbeitungsbetrieben führen, sondern werde vor allem auch die Vertragsmäster in Form von Preisdruck, Vertragskündigungen und Liquiditätsproblemen treffen.

Die regionale Verdichtung der Produktion und deren Ausdehnung nach Ostniedersachsen (Wietze) werde zudem "das Problem der umweltverträglichen Verwertung der tierischen Exkremente und des Krankheits- und Seuchenrisikos" noch weiter verschärfen. Die regionalen Verschiebungen der Getreide-Warenströme führen laut Windhorst zu einer noch stärkeren Abhängigkeit von Futtermittelimporten und von risikoreichen Marktschwankungen. Ein wachsendes Problem sieht Windhorst auch im Widerstand gegen eine weitere Verdichtung bzw. Neuerrichtung von Mastanlagen. Dieser komme "nicht nur von Tier- und Umweltschutzorganisationen, sondern auch von der nicht in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung sowie von Landwirten selbst".

Die AbL ergänzte diese Ausführungen Windhorsts mit Hinweisen auf die "Qualzucht und Qualhaltung der Tiere", auf die totale Abhängigkeit der Vertragsmäster von den Schlachtkonzernen, auf die Geruchs-, Ammoniak- und Keimbelastung von Anwohnern und Umwelt und auf die Bedrohung einer bäuerlichen Tierhaltung durch diese agrarindustriellen Mastanlagen. "Die unverantwortliche Förderung und Beschönigung dieser unappetitlichen Überproduktion durch Schlachtkonzerne, Bundespolitiker, Landesregierungen, Bauernverband und Agrarindustrielobby muss sofort beendet werden" – forderte AbL-Sprecher Eckehard Niemann. Das bundesweite "Netzwerk Bauernhöfe statt Agrarfabriken" von mehr als 100 Bürgerinitiativen werde weiter massiven Druck machen für ein Bauverbot von Agrarfabriken, für bessere Tierhaltungsvorschriften und für die Förderung einer artgerechten Nutztierhaltung in bäuerlicher Hand in lebendigen Regionen.

29.09.2010 - Stefan Johnigk, Geschäftsführer PROVIEH