EU berät: Bald wieder Tiermehl für Schweine und Geflügel?

29.09.2010: Die EU strebt an, dass Schweine und Geflügel künftig wieder tierische Kost in Form von Tiermehl erhalten dürfen. Seit dem 1. Januar 2001 durften sie nur noch Vegetarier sein.

Von Natur aus sind Schweine und Geflügel Allesfresser, brauchen also tierische und pflanzliche Kost zum artgerechten Leben. Dass sie dennoch zu Vegetariern gemacht wurden, hängt mit BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie) beim Rind zusammen. Vor allem in Großbritannien wurde in den 1980er Jahren viel Tiermehl an Rinder verfüttert. Als seit 1980 immer mehr britische Tiermehlhersteller die teure Druckerhitzung der Tiermehl-Rohmasse auf 1330 Grad Celsius durch die billigere Durchlauferhitzung auf 85 bis 1000 Grad Celsius ersetzten und als seit 1985 immer mehr britische Rinder an BSE erkrankten, stellten J.W. Wilesmith und Koautoren 1991 die Hypothese auf, dass die Verarbeitung von BSE-Rindern zu Tiermehl und dessen Verfütterung an Rinder zum Aufschaukeln der BSE-Krise geführt hätten. Zwar wurde diese Hypothese wissenschaftlich nie bestätigt, dennoch gilt sie als Grundlage aller Maßnahmen gegen BSE.

Zu ihnen gehörte zunächst, dass Rinder nicht mehr mit Tiermehlen gefüttert werden dürfen. Als die britische BSE-Rate bei Rindern, die nach diesem Verbot geboren wurden, noch immer nicht auf null sank, wurde vermutet, dass Kraftfutter für Rinder mit Tiermehl verschmutzt war, das für Schweine und Geflügel gedacht war. Um dies zu verhindern, wurde das totale Verfütterungsverbot von Tiermehl an Nutztiere verfügt, deren Produkte uns als Nahrung dienen. Doch nicht einmal dieses strikte Verbot ließ die BSE-Rate bei anschließend geborenen Rindern auf null sinken, sondern bestenfalls auf fast null. Dieser Befund widerlegt die ursprüngliche Behauptung, BSE hätte es früher nie gegeben. Gültig ist nunmehr die schon lange bekannte alternative Auffassung, nach der BSE schon immer eine äußerst seltene Krankheit des Rindes war, und zwar ähnlich selten wie die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit bei Menschen, die wie BSE zu den Transmissiblen Spongiformen Enzephalopathien (TSEs) gehört.

Schon im Jahr 2000 wurde gewarnt, das strikte Tiermehl-Verfütterungsverbot würde zur Vernichtung riesiger Urwaldflächen führen, denn als bestmöglicher Ersatz für Tiermehl galt und gilt noch immer Soja. Die Warnung verhallte, riesige Urwaldflächen wurden für den Anbau von Soja tatsächlich vernichtet mit schwerwiegenden ökologischen und klimatischen Folgen.

Die Rückkehr zur Verfütterung von Tiermehl an Nutztiere ist nicht nur aus ökologischer und klimatischer Sicht zu begrüßen. Wenn Tiermehl aus Schlachtresten genusstauglicher Tiere (einschließlich Rinder) hergestellt wird, ist die Verfütterung auch unbedenklich. Zu fordern ist jedoch, dass Kadaver und Geflügelkot entgegen früherer Praxis nicht mehr zur Herstellung von Tiermehl benutzt werden dürfen. Was zurzeit auf EU-Ebene diskutiert wird, ist nur eine kleine Lösung: Geflügelmehl darf an Schweine verfüttert werden, und Schweinemehl darf an Geflügel verfüttert werden. Kannibalismus soll also ausgeschlossen werden. Auch wenn sich die kleine Lösung noch im Diskussionsstadium befindet, wird sie kommen. Die große Lösung, bei der auch Schlachtreste von Rindern zur Herstellung von Tiermehl zugelassen werden, wird noch auf sich warten lassen, weil die Vermutung über den Ursprung der britischen BSE-Krise schon längst zum Dogma fern der Wissenschaft geworden ist.

29.09.2010 - Sievert Lorenzen, Vorstand PROVIEH