Zukunftsfähige Tierhaltung muss tiergerecht sein!

30.09.2010: Auf der alljährlichen Tagung von FREILAND und FiBL referierten 13 Fachleute aus Österreich und der Schweiz über Tierhaltung im Spannungsfeld zwischen Zucht auf Leistung und dem Wohl des Tieres.

Wie halten Kühe eine immer höhere Milchleistung aus, ohne krank zu werden? Fressen Kühe den Menschen das Getreide weg? Diese und ähnliche Fragen wurden gleich im ersten Vortrag auf durch Dr. W. Knaus (Universität für Bodenkultur, Wien) erörtert. Gab die moderne Hochleistungskuh Holstein-Friesian um 1950 im Schnitt 4000 Liter, waren es 50 Jahre später bereits 10. 000 Liter jährlich. Die steigende Milchleistung der Rassen Fleckvieh, Holstein und Braunvieh bei gleichzeitig sinkender Nutzungsdauer wurde gleich im ersten Vortrag kritisiert. In Frage gestellt wurde auch der Sinn des wachsenden Kraftfutter-Einsatzes: Rinder wurden früher ausschließlich mit Grundfutter (Gras, Heu) versorgt. Heute ist der Kraftfutter-Anteil um ein Vielfaches gestiegen. Darunter leidet nicht nur die Kuh (eine Überfütterung mit Getreide bei zu wenig Rohfaser führt zu Pansenübersäuerung), sondern auch der Mensch: Kühe werden damit automatisch zu dessen Nahrungskonkurrenten. Der ökonomische Druck, Erstkalbealter und Aufzuchtzeit zu senken, um die Milchleistung zu steigern, ist so groß wie nie zuvor. Der Preis für die ständig steigende Milchleistung sind sinkende Lebensdauer und Fruchtbarkeit. So kalbt eine Kuh der Rasse Holstein-Friesian in den USA im Schnitt nur 3,5 Mal in ihrem Leben. Trotz ausgefeilter Besamungstechniken ist die Fruchtbarkeit inzwischen soweit gesunken, dass heute bereits wieder andere Rassen eingekreuzt werden.

Weitere Themen waren Sauenhaltung und Ferkelaufzucht: Im Schnitt wirft eine Sau 23 Ferkel im Jahr bei Herdengrößen von 55 bis 88 Sauen je Betrieb. Die Anzahl der Ferkel je Wurf wird tendenziell immer höher. Eine Lösung könnte die Ammensauhaltung sein und eine verbesserte Ferkelaufzucht mit 16 statt 14 Zitzen je Sau. Die Genomische Selektion soll einen höheren Zuchtfortschritt bewirken. Bevorzugt werden stressresistente Rassen wie Pietrain und Duroc mit hoher Fruchtbarkeit eingesetzt. Doch bei aller Selektion auf einzelne Merkmale wird vor einer einseitigen Züchtung gewarnt. Die moderne Schweinezucht sollte auf ihre Nachhaltigkeit überprüft werden.

Dr. Stefan Hörtenhuber (FiBL, Wien) verglich in seinem Beitrag unterschiedliche Emissonswerte (CO2-Äquivalente) in konventionellen und ökologische Tierhaltungen in Österreich. Mit steigender Milchleistung steigt in der Regel der CO2-Ausstoß. So verursacht die Herstellung von 1 kg Rohmilch, je nach Produktionsstandort und Wirtschaftsweise, zwischen 0,8 bis 1,2 kg CO2-Äquivalente. Doch die Treibhausgase können verringert werden, und zwar durch mehr Grundfutter, Weidegang und Stroheinstreu. Eine erhöhte Lebensleistung, das heisst, eine verlängerte Lebenszeit, führt außerdem zu einer "Verdünnung" des Emissionsanteils je Tier. Weit verbreitet ist die These, hohe Grundfutteranteile führten zu vermehrter Methanbildung. Doch nicht bei Kühen aus Öko-Betrieben: Bei nur 11 Prozent weniger Milchleistung weisen sie diesselbe Klimabilanz auf wie konventionelle Kühe.

Auch auf Biobetrieben können Tiere krank werden, verursacht durch falsche Haltung (z. B. Einstreu von feuchtem Stroh usw.) Tiergesundheitspläne sollen helfen, die Tiergesundheit zu kontrollieren und zu verbessern. Die Erfahrungen mit dieser Methode wurden am Beispiel zweier Biobetriebe - mit Schweinemast und mit Zuchtsauenhaltung - aufgezeigt.

Bewegungsfreiheit ist eine Mindestanforderung an artgerechte Tierhaltung. 90 Tage Auslauf im Jahr müssen die Tiere haben, entweder im Weidegang oder - ab 2012 - im gesetzlich vorgeschriebenen Auslauf. Die Landwirtschaftskammer Oberösterreich berät Betriebe, die den Auslauf für ihre Rinder verbessern wollen. Das wird durch den Amtstierarzt kontrolliert. Abschließend stellten zwei Familienbetriebe (aus der Steiermark und Niederösterreich) praktikable Lösungen für tiergerechte Laufställe vor. Einmal als Kombination von Anbindung und Weidehaltung von 24 Milchrindern, zum andern als Umbau eines Anbindestalles in einen Fressliegeboxenlaufstall für 13 Kühe und 10 Jungrinder.

Im Ergebnis der Tagung war man sich darin einig, dass bei aller Ökonomie das Tierwohl nicht auf der Strecke bleiben dürfe. Mehr Nachhaltigkeit auch in der Tierhaltung sei nötig. Doch um die zu erreichen, müsse sich zuerst der Fleischkonsum deutlich verringern. Die Tiere dürften nicht den Haltungssystemen angepasst werden, sondern das Tier sollte im Vordergrund stehen. Die Tierhaltung auf Ökobetrieben spiele dabei eine Vorreiterrolle. Das große Ziel sei 100 Prozent Öko-Landbau und Tierhaltung in Österreich.

30.09.2010 - Susanne Aigner, Fachreferat PROVIEH