Dank der Kampagne "Deutschland wird Käfigfrei" werden immer weniger Käfigeier verarbeitet

01.11.2010: Nudeln von Birkel und Backwaren von Brandt sowie Sandwiches von Subway werden künftig ohne Käfigeier produziert.

Im Rahmen des Käfigfrei-Bündnisses, dem auch PROVIEH angehört, können wir weitere Erfolge verbuchen: Nicht nur Birkel und Brandt steigen aus der der Verwendung von Käfigeiern aus. Auch LIDL stellt bereits seit Anfang 2010 nach und nach seine Nudel-Eigenmarken um und will das Programm auf andere Produkte ausweiten. Auch andere Supermarktketten in Deutschland und Österreich beschreiten diesen Weg. Es gibt zudem ein System zur Betrugsvermeidung durch Rückverfolgbarkeit und Mengenüberwachung. Wichtig ist, dass sich alle käfigfrei produzierenden Unternehmen diesem System anschließen, worauf das Bündnis ebenfalls hinarbeitet.

Die Erfolge der Initiative Deutschland wird käfigfrei sind aus zwei Gründen besonders wichtig: Denn in der EU sind auch nach dem Inkrafttreten des Verbots für Batteriekäfige ab 2012 die sogenannten "ausgestalteten Käfige" weiterhin erlaubt. In Gruppenkäfigen werden bis zu 60 Hennen in drangvoller Enge zusammengepfercht. Das Ergebnis ist erschütternd, das Leid der Legehennen kaum gemindert im Vergleich zu den engen Batteriekäfigen, da sich die Hennen u.a. massiv bepicken und beim Eierlegen stören. Natürliche Verhaltensweisen wie z.B. das Sandbaden werden durch etwas Einstreu angeregt, können dann aber nicht wirklich ausgelebt werden (mehr dazu im PROVIEH-Magazin 1/2010).

Solche Käfige sind auch in Deutschland erlaubt. Hier wurde während der rot-grünen Bundesregierung (notgedrungen) ein schmutziger Kuhhandel mit der CDU/CSU-Opposition abgeschlossen: Die Konservativen hatten damals die Bundesratsmehrheit inne und blockierten einfach die Verabschiedung eines fälligen Gesetzes zur Umsetzung der EU-Schweinehaltungsrichtlinie. Auf Deutschland kamen dadurch Strafzahlungen in Höhe von über 800.000 Euro pro Tag der Nichtumsetzung zu. So konnte die CDU/CSU die Regierung Schröder dazu zwingen, im Gegenzug zur Zustimmung zur Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnungsregeln für Schweine die von der Agrarindustrielobby geforderten Käfigregelungen umzusetzen: Erstens lange Übergangsregelung für die in der EU fast überall erlaubten "ausgestalteten Käfige" (bis 2020 erlaubt) sowie zweitens eine gesetzliche Erlaubnis für die sogenannte "Kleingruppenhaltung" von Legehennen ins Gesetz aufzunehmen. Rot-grün hatte von den Gruppenkäfigen nichts wissen wollen, musste aber nachgeben. Die minimalen Verbesserungen der deutschen "Kleingruppenhaltung" im Vergleich zu den "ausgestalteten Käfigen" der EU-Richtlinie - z.B. geringfügig mehr Platz - fördern das Wohlergehen der Hennen nicht wirklich (mehr dazu hier). Es besteht allerdings noch die Hoffnung, dass das Bundesverfassungsgericht im Rahmen der laufenden Normenkontrollklage die Kleingruppenhaltung für tierschutzwidrig erklärt und ganz verbietet. PROVIEH und andere Akteure wurden bereits um Stellungnahmen gebeten, die eingereicht wurden. Vielleicht sind auch deshalb Investoren zum Glück bisher eher vorsichtig, so dass derzeit nur etwa ein Prozent der deutschen Eierproduktion in solchen Gruppenkäfigen erzeugt wird.

Wenn in der EU aber nur die Produktion von Batteriekäfigeiern abgeschafft wird, ist das also erst die halbe Miete, da Gruppenkäfige zugelassen bleiben. Eigentlich bedeutet es sogar noch weniger als die halbe Miete. Denn die Lebensmittelindustrie darf ja weiterhin Käfigeier verarbeiten! Dagegen gibt es kein Verbot. Also würde das Leid der Hennen nur ins Ausland verlegt, wenn die Unternehmen weiter aus dem EU-Ausland zugekaufte Käfigeier für die Produktion von in der EU verkauften Waren verwenden oder gleich die fertigen Produkte mit Käfigeigehalt importieren. Deshalb werden Gespräche mit allen eierverarbeitenden Unternehmen und Supermärkten zwecks Auslistung ALLER Käfigeier geführt. Wo kein Markt ist, gibt es auch keine Billigimporte. Damit kann vermieden werden, dass tierquälerische Käfigeiproduzenten aus Drittländern die heimischen alternativen Eierproduzenten aus dem Markt drängen. Und bei durchgängigem Verzicht auf Käfigeier seitens der EU-Lebensmittelwirtschaft werden sich künftig auch die ausgestalteten Käfige nicht mehr rechnen.

Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg. Vor allem in Osteuropa und in einigen Ländern des Mittelmeerraumes geht selbst die Umstellung bzw. Abschaffung der Batteriekäfige bisher nur schleppend voran. Europaabgeordnete warnten im Oktober 2010 wiederholt vor daraus resultierenden Wettbewerbsverzerrungen in der EU. Einige Erzeugerländer hoffen derweil anscheinend noch immer, die Richtlinie kurz vor ihrem Inkrafttreten kippen zu können. Aber das hat die Kommission inzwischen – auch aufgrund eines Berichts aus dem Jahr 2008 – mehrfach abgelehnt, zuletzt im EU-Agrarausschuss am 22. Februar 2010. Viele Produzenten jammern noch (wie damals in Deutschland), sie könnten das nötige Geld für die erforderlichen Investitionen in alternative Systeme so schnell nicht aufbringen. Eine fadenscheinige Ausrede für jahrelange Untätigkeit angesichts des langen Anpassungszeitraums von gut 12 Jahren; denn die Richtlinie stammt aus dem Jahr 1999!

PROVIEH wird bei Nicht-Einhaltung der Richtlinie Beschwerde bei der Kommission einreichen, wie schon im Fall des verbotenen routinemäßigen Schwanzkupierens in der Schweinehaltung (vgl. dazu auch PROVIEH-Magazin 3/2010).

Sabine Ohm, Europareferentin