"Blutmilch"

Autor: Romuald SchaberBlutmilch_Buchcover
Titel: "Blutmilch"
Seiten: 272 Seiten
Erscheinungsjahr: 2010
Verlag: Pattloch Verlag, München
ISBN: 978-3-629-02273-8
Preis: 18,00 Euro

Bauern auf die Barrikaden

Deutsche Milchbauern lassen sich von den Politikern in Brüssel nicht mehr länger an der Nase herumführen. Im Kampf ums Überleben organisieren sich immer mehr im Bundesverband deutscher Milchviehhalter e. V. (BDM).

Früher waren die Bauernhöfe bodenständige, nachhaltige, lebensfähige Unternehmen. Über Generationen wurden Höfe weitervererbt. Damit ist es nun vorbei. Das "Bauernsterben" ist wörtlich zu nehmen: Immer häufiger werden Bauern von ihren Angehörigen tot aufgefunden - in ganz Europa. Was treibt diese Menschen in den Suizid? Warum landen so viele beim Psychiater? Milchviehhaltende Betriebe sind heute dem Strukturwandel mehr denn je ausgeliefert. Sie werden gezwungen, sich zu vergrößern, wenn sie nicht aufgeben wollen. Ein Bauer investiert eine halbe Million in einen neuen, größeren Stall. Kaum sind die Baumaßnahmen beendet, sinkt der Milchpreis um 30 Prozent. 26 Cent pro Liter aber sind zu wenig, kostendeckend zu wirtschaften, an die Rückzahlung des Kredites an die Bank gar nicht zu denken. Viele Bauern kapitulieren in einer solchen Situation.

Romuald Schaber, Bauer von Beruf und Präsident des European Milk Board, deckt Zusammenhänge auf und stellt unbequeme Fragen: Wo findet ein Bauer heute zwischen Agrarmarktreformen, liberalisierten Märkten, Agrardieselsteuer, Cross compliance, Flächenausgleichsprogrammen, Düngeverordnung und Milchquotenregelung noch seine eigenen Interessen vertreten? Nirgends, konstatiert er - wie viele seiner Kollegen auch. Nicht einmal der Deutsche Bauernverband setzt sich wirklich für die deutschen Bauern ein. Und den EU-Bürokraten in Brüssel geht es schon lange nicht mehr um das Wohlergehen des Bauernstandes.

Beispiel EU-Subventionen: 55 Milliarden Euro gab die EU 2009 "für die Landwirtschaft" aus. Den Löwenanteil erhielten große Konzerne und Molkereien – bei den Kleinbauern kam fast nichts an. An den "Agrarsubventionen" bereichern sich also vor allem große Unternehmen. Die Folge sind immer weniger Arbeitsplätze in ländlichen Regionen, hohe Klimagasemissionen, Massentierhaltung und vergiftetes Trinkwasser. Darum sind Subventionen kontraproduktiv - für die Gesellschaft und für die Bauern. Unter der zunehmenden Vergrößerung – immer mehr Tiere in einem Stall – leidet nicht nur der persönliche Umgang zwischen Mensch und Tier. Kühe tragen nur noch Nummern statt Namen. Melkvorgang und Fütterung erfolgen mechanisch. In Neuseeland werden männliche Kälber gleich nach der Geburt erschossen, weil sie sich nicht "rechnen". Was hier zählt, ist die Rendite, nicht das Tier. Wird die Milch nun weiter zu Dumping-Preisen verramscht, sind immer mehr Bauern gezwungen, ihre Betriebe und ihre Tiere aufzugeben, weil sie nicht mehr kostendeckend arbeiten können. Ein fairer Preis, direkt ausgezahlt von der Molkerei an die Bauern, würde das Überleben der Kleinbauern garantieren. Denn nur die kleinbäuerliche Landwirtschaft unterstützt das positive Mensch-Tier-Verhältnis – und damit die artgerechte Tierhaltung.

Darum gründeten Romuald Schaber und seine Kollegen im Jahr 1998 den Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) e. V.. 30.000 Milchbauern schlossen sich der Organisation an. Seit dem demonstrieren wütende Bäuerinnen und Bauern gemeinsam für höhere Milchpreise. Sie kippen Mist vor die Lager der Discounter und entleeren volle Milch-Container auf die Äcker. Sie fahren mit dem Trecker nach Brüssel und nach Berlin. Mit Erfolg: Seit Januar 2010 ist im Handel die "Faire Milch" zu erwerben. Sie kostet 89 bis 99 Cent pro Liter. 40 Cent davon gehen an die Bauern. Zu kämpfen lohnt also. Und das ist erst der Anfang.

Weitere Infos zu den Forderungen des BDM finden sie hier.

08.11.2010 - Susanne Aigner, Fachreferat PROVIEH