Der BSE-Langzeitversuch auf der Insel Riems ist fern von Wirklichkeit und Wissenschaft

Das Ziel klingt hehr, das Wissenschaftler der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere (BFAV) mit dem BSE-Langzeitversuch auf der Insel Riems verfolgen. Sie wollen die offene Frage klären, wie der unbekannte BSE-Erreger vom Darmtrakt eines Kalbes zu dessen Gehirn gelangt. Was er dort nach seiner Ankunft anrichtet, ist bekannt: Er verursacht die tödlich verlaufende Hirnkrankheit BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie). Damit kein Versuchskalb dem Erreger entkommt, muss jedes 100 Gramm ungekochtes gequirltes, hochinfektiöses Hirnstammgewebe aufnehmen, das aus britischen BSE-Kühen stammt. Die Sturzflut-Dosis ist tödlich, wie Anderson und Kollegen (1996) in ihrem einflussreichen Artikel in der Zeitschrift Nature (Band 382) gezeigt hatten. Doch sie ist meilenweit entfernt von jeder landwirtschaftlichen Realität, so dass zweifelhaft ist, ob der Versuch zu praxisrelevanten Ergebnissen führen kann. 

Selbstverständlich muss in einem Kontrollversuch mit gesunder statt mit kranker Hirnmasse geprüft werden, ob nicht Hirnmasse an sich für beobachtete Effekte verantwortlich ist. Ein solcher Kontrollversuch ist nicht vorgesehen. Verstöße gegen unerschütterliche Grundsätze der Wissenschaftlichkeit haben in der BSE-Forschung schon Tradition. Die Folge: Viele einflussreiche Aussagen über BSE und andere Spongiforme Enzephalopathien - unter ihnen Scrapie beim Schaf und die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJD) beim Menschen - sind wissenschaftlich unbrauchbar.

Zu diesen Aussagen gehört, BSE könne nur durch Aufnahme eines selbstvermehrungsfähigen Agens entstehen, das sich im Tiermehl oder verwandten Produkten befindet. Doch was könnte dieses Agens sein? Stanley Prusiner behauptete 1982 in der Zeitschrift Science (Band 216), es sei eiweißartig und enthalte keine Nukleinsäure (Erbsubstanz). Deswegen nannte er es Prion, ein Wortspiel aus "proteinaceous infectious particle". Trotz intensiver Suche konnte die Natur eines Prions noch immer nicht ermittelt werden. Aggregate der beta-Faltblatt-Form des Prionproteins, die in nachweisbarer Menge meistens - aber nicht immer - als Abfall bei einer Spongiformen Enzephalopathie entstehen und daher zunächst für das alleinige krankheitserregende Agens gehalten wurden, sind es entgegen ursprünglicher Vermutung definitiv nicht, wie Riesner im Buch Prionen und Prionkrankheiten (2001 herausgegeben von Hörnlimann et al.) Manuelidis im Sammelband BSE - Wahnsinn und Wirklichkeit (2002 herausgegeben von Brem und Müller) überzeugend begründet haben. Die "BSE-Tests", die auf den Nachweis des Abfalls gründen, sind also keine verlässlichen Anzeiger von BSE.

Offen ist die Frage, ob BSE nur eine oder mehrere Ursachen haben kann, wie dies für CJD als wahrscheinlich gilt. Nach ernst zu nehmender Vermutung könnte BSE z.B. durch Belastung mit Schadstoffen spontan im Gehirn entstehen. Im BSE-Langzeitversuch wird diese Denkmöglichkeit ausgeklammert.

Zur Beurteilung des BSE-Langzeitversuchs lohnt auch ein Blick auf den Werdegang von BSE beim Rind: Angesichts des Zwangs zur Billigproduktion von Massenware wurden Milchrindrassen unter Hochleistungsbedingungen und mit viel Inzucht zu genetisch verarmten Hochleistungskrüppeln gezüchtet, denen es bei Ernährung nur mit Gras, Kräutern und Wasser jämmerlich schlecht geht, die aber bei Zufuhr von viel hochenergetischer Nahrung ungewöhnlich viel Milch geben können. Unter solchen Hochleistungskrüppeln ist BSE in Großbritannien erstmals ausgebrochen und dann häufiger geworden, während genügsame Rinderrassen, die unter genügsamen Bedingungen gehalten werden, von BSE nahezu verschont blieben.

In der konventionellen Landwirtschaft hält der Zwang zur Massenproduktion von Billigware unvermindert an, so dass BSE dort - und nur dort - noch immer ein kleines Risiko bleibt. Der BSE-Langzeitversuch auf der Insel Riems dient nicht der Aufklärung oder Vermeidung dieses Risikos. Die Versuchsrinder müssen vielmehr für einen Versuch sterben, der fern von Wirklichkeit und Wissenschaft ist.

Prof. Dr. Sievert Lorenzen


Nachtrag 26.09.2003: Der Kontrollversuch findet nach neuester Information doch statt; die Kontrolltiere werden dabei mit Gehirnen von Öko-Rindern gefüttert.

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