Sauen raus aus dem Käfig!

19.09.2016: Die langjährige Forderung von PROVIEH nach Abschaffung von Kastenständen und Abferkelkäfigen für Sauen bekommt immer mehr Rückhalt durch einen Bericht der EU-Kommission, verfasst auf der Grundlage von Besichtigungsreisen zu Betrieben mit tierfreundlicher Schweine- und Sauenhaltung in Skandinavien, und nun auch durch eine Stellungnahme der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT). In beiden Fällen werden die Vorzüge der tiergerechteren Schweinehaltung untermauert.

Derzeitige Gesetzeslage

Seit dem 1. Januar 2013 müssen tragende Sauen und Jungsauen laut EU-Richtlinie 2008/120/EG in Betrieben ab zehn Sauen in Gruppen gehalten werden, jeweils etwa 80 Tage lang pro Wurf. In den anderen 10 Wochen eines Durchgangs dürfen Sauen weiterhin in zwei verschiedene Käfigtypen eng eingesperrt werden, die als Kastenstand und Ferkelschutzkorb bezeichnet werden.

Im Kastenstand stehen Sauen bis zu fünf Wochen pro Besamung. Dort können sie sich nicht umdrehen, keinen Schritt gehen, nicht bequem liegen, keine sozialen Kontakte zu anderen Sauen pflegen und auch sonst keine einzige ihrer arteigenen Verhaltensweisen ausüben.

Kastenstände sind aus Sicht von PROVIEH tierquälerisch und zudem unnötig. Das zeigen zum Beispiel die benachbarten Niederlande, die zu den größten Ferkelerzeugern und -exporteuren Europas zählen. Dort müssen die Sauen spätestens vier Tage nach der Besamung wieder in Gruppen gehalten werden. In Großbritannien dürfen Sauen zur Besamung sogar nur maximal vier Stunden fixiert werden. Es gibt keinen vernünftigen Grund, dass Deutschland bei der Käfighaltung bleibt. Wann also werden Kastenstände auch in Deutschland verboten?

Noch grausamer als die Haltung im Kastenstand ist die Haltung im Ferkelschutzkorb, in den die Sau ab einer Woche vor der Geburt ihrer Ferkel und bis zum Ende der Säugezeit von mindestens 21 Tagen eingesperrt werden darf. Er steht in der Abferkelbucht und soll die Ferkel angeblich vor dem Erdrücken schützen. Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. (TVT) sagt dazu: Das heißt, die Sauen sind so fixiert, dass sie sich kaum bewegen können, das Aufstehen, Abliegen sowie das Säugen und die Sau-Ferkel-Interaktionen sind stark beeinträchtigt. Liege- und Kotplatz sind nicht getrennt und das Nestbauverhalten kann nicht ausgeführt werden. In Folge dessen treten häufig Verhaltensstörungen wie Leerkauen und Stangenbeißen auf und das Risiko für bestimmte Erkrankungen ist erhöht. Deshalb empfiehlt die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. die Haltung von Sauen im Abferkelstall in freien“ Abferkelbuchten.

Werner Schwarz Live Webcam im Abferkelstall 

Freie Abferkelung

Dass es geht, zeigen Schweden, Finnland, Norwegen und die Schweiz in vorbildlicher Weise. Die dauerhafte Fixierung der Sauen ist verboten. Trotzdem sind die Ferkelverluste – also die Zahl der Ferkel, die von der Sau erdrückt werden oder aus anderen Gründen verenden – zum Beispiel in der Schweiz im Durchschnitt nicht höher als in Deutschland. Das Märchen von der Schutzwirkung des „Ferkelschutzkorbs“ hält der wissenschaftlichen Prüfung also nicht stand. Zu beachten ist aus Sicht der TVT allerdings: Bei Sauen, die in „freien“ Abferkelbuchten gebären, muss zusätzlich auf eine gute Mütterlichkeit, eine funktionierende Sau-Ferkel-Kommunikation, ein stabiles Fundament und ein geringes Aggressionspotential gegenüber Betreuungspersonen geachtet werden. Dies sind züchterische Merkmale, die in den letzten Jahrzehnten durch das Abferkeln im Kastenstand vernachlässigt wurden. Die Ferkel müssen mit einem hohen Geburtsgewicht und einer guten Vitalität ausgestattet sein, was die Überlebenschancen in einer „freien“ Abferkelbucht erheblich fördert. Durch eine geeignete Selektion der Zuchtsauen kann man die Ferkelverluste also auch bei freier Abferkelung minimieren – aber natürlich müssen den Tieren auch genug Platz und geeignete Buchtenstrukturen gewährt werden.

Webcam eines Abferkelstalls in der Schweiz 

Die notwendigen Baumaßnahmen für eine tierfreundliche Sauenhaltung, der zusätzliche Platzbedarf und das Management kosten mehr Geld und Zeit als die konventionelle Käfighaltung. Deshalb braucht sie Förderung. Nicht umsonst verzichten die meisten Tierschutzlabel in Deutschland noch heute auf eine Zertifizierung der Sauenhaltung. Selbst bei Bioschweinen werden oft konventionell erzeugte Ferkel zugekauft, so dass die Schweine nicht das ganze Leben lang höhere Tierschutzstandards genießen.

Zeit für staatliche Intervention

Der „freie Markt“ – also freie Preisfindung nach Angebot und Nachfrage sowie die Tätigung notwendiger Investitionen – kann bei bestimmten gesellschaftlichen Aufgaben versagen. Das ist erfahrungsgemäß auch beim Umwelt- und Tierschutz der Fall. Das liegt daran, dass konventionelle Landwirte für Tierschutzverstöße wie das Ringelschwanzkupieren und Umweltverschmutzung – zum Beispiel die Nitratverseuchung des Grundwassers durch Gülle – gar nicht oder nur unzureichend bezahlen müssen. Dadurch können sie vergleichsweise billig produzieren und verkaufen. Das geht auf Kosten der Tiere, der Umwelt und der Steuerzahler, die unter anderem für teure Trinkwasseraufbereitung aufkommen müssen.

Ein warnendes Beispiel für Marktversagen lieferte Schweden: Dort wurden die gesetzlichen Tierschutzstandards in der Schweinehaltung bereits 1988 aufgrund des gesellschaftlichen Drucks stark verbessert. Die Sauenkäfige wurden also abgeschafft. Doch dann begann das Marktversagen: Schweinefleisch wurde zu Billigpreisen importiert und ruinierte viele schwedische Schweineerzeuger, weil ihr Wettbewerbsnachteil, erzwungen durch strengere Tierschutzvorschriften durch keine staatliche Förderung  ausgeglichen wurde.

Mittlerweile fördert die schwedische Regierung die käfigfreie, tierfreundliche Sauenhaltung im Land seit 2014 mit 108 Euro pro Sau und Jahr, um einen Teil der höheren Produktionskosten auszugleichen. Außerdem wird Werbung für schwedische Fleischerzeugnisse nun staatlich unterstützt. Deshalb steigt die Nachfrage nach heimischem Schweinefleisch wieder und regt dessen Erzeugung wieder an. Man ist jetzt zu Recht stolz und achtet auf Schweinefleisch mit dem Siegel „Made in Sweden“. Aus den schwedischen Erfahrungen lässt sich  für Deutschland einiges lernen.

Tierwohlmaßnahmen zahlen sich aus

Dass sich Tierwohlmaßnahmen für die Gesellschaft insgesamt auszahlen, zeigt Schweden: Europaweit werden dort die wenigsten Antibiotika verbraucht, in Deutschland dagegen die meisten. Der Antibiotikaverbrauch in der Nutztierhaltung korreliert mit dem Auftreten antibiotikaresistenter MRSA-Keime, die auch für Menschen gefährlich sind. Laut Antwort des sächsischen Sozialministeriums auf eine Landtagsanfrage wurden solche Keime in über 78 Prozent der untersuchten Betriebe nachgewiesen. Nur jede fünfte Anlage sei im Untersuchungszeitraum 2012 und 2013 in Sachsen nicht belastet gewesen. Die Keimbelastung steigt nach Angaben von Experten deutlich ab 5.000 Schweinen pro Anlage. Die Größe von Anlagen spielt entgegen aller Beteuerungen der Agrarindustrielobby, offenbar doch eine erhebliche Rolle.

Wege aus der Krise

Die ursprünglich von PROVIEH mitkonzipierte privatwirtschaftliche Initiative Tierwohl (ITW) hat inzwischen den Bonus für freie Abferkelung wieder gestrichen. Aufgrund insgesamt viel zu geringer Geldmittel und aus unserer Sicht falscher Prioritäten bei den Kriterien kann die ITW nach unserer Einschätzung auf absehbare Zeit den erforderlichen Umbau zu einer tierfreundlichen Schweine- und Sauenhaltung nicht finanzieren (wir berichteten).

Ein Weiter-so-wie-bisher ist aus Tierschutz- und ökonomischer Sicht also nicht mehr tragbarbar. Als Alarmzeichen kann schon jetzt gelten, dass allein in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, wo knapp zwei Drittel aller deutschen Schweine gehalten werden, seit 2010 die Zahl der Ferkelerzeuger um fast 40 Prozent sank. Die Ferkelerzeugung in Deutschland braucht jetzt eine gesunde, nachhaltige Perspektive, weil sonst künftig noch mehr Ferkel als bisher aus Dänemark und den Niederlanden kommen. Diese Länder haben in den vergangenen zehn Jahren ihre Ferkelexporte nach Deutschland bereits auf rund 11 Mio. Ferkel pro Jahr etwa verdreifacht.

PROVIEH tritt daher für das folgende Maßnahmenpaket ein:

Erstens müssen strengere staatliche Tierschutzvorgaben, darunter die käfigfreie Sauenhaltung, verabschiedet werden.

Zweitens ist eine klare, transparente Herkunfts- und Haltungskennzeichnung nach dem Vorbild der Eierkennzeichnung (DE-0, 1, 2, 3) erforderlich. Nur so können die Verbraucher eine informierte Wahl treffen, was künftig ge- bzw. verkauft wird. Diese Zertifizierung sollte bei Schweinen nicht nur die Mast, sondern auch die Sauen- und Ferkelhaltung umfassen, um Verbrauchertäuschung zu vermeiden.

Drittens sollten die Tierwohlmaßnahmen und die Inhalte der Tierhaltungskennzeichnung den Verbrauchern deutlich kommuniziert werden. Wie in Schweden sollte Werbung für den Tierschutz „Made in Germany“ gemacht werden, um der Verlockung durch Importe von Billigware entgegenzuwirken, die unterhalb von hiesigen Standards erzeugt wurde. Bewerben sollte man künftig nur noch solche Produkte, die wirklich echten Tierschutz und weniger Antibiotikaeinsatz beinhalten.

 

Sabine Ohm

Fotos: © PROVIEH

Quellen und weiterführende Informationen