Stiftung Warentest: Lebendrupf bei Gänsen

Im Winter holen viele Menschen ihre dicken Daunendecken wieder aus dem Schrank. Daunen halten warm und schaffen im Bett ein angenehmes Klima, das viele Menschen gegenüber Synthetikdecken bevorzugen.  Durch „Stiftung Warentest“ wurden zehn Anbieter von Daunendecken auf ihre Unternehmensverantwortung und die Beachtung des Tierwohls geprüft.

Die Untersuchungen gestalteten sich als schwierig, da die Unternehmen sich nicht kooperativ verhielten und ihren Warenbezug bedeckt hielten. Es muss deswegen davon ausgegangen werden, dass Lebendrupf (siehe unten) nach wie vor weit verbreitet ist. 

Getestet wurden die Bettdecken auch auf ihre Schlafeigenschaften und Haltbarkeit. Vor allem die Anschmiegsamkeit von Gänsedaunendecken an den Körper gilt als wesentlicher Pluspunkt. Zudem speichern die flauschigen Daunen die Wärme sehr gut und der nächtliche Schweißaustritt des Menschen kann besser aufgenommen werden, als dies bei Synthetikdecken der Fall ist.

Bei den Qualitätsmerkmalen der Daunendecken stellte Stiftung Warentest zum Teil erhebliche Mängel fest. Unter anderem waren in Bettdecken, die Gänsedaunen versprachen, unerlaubte Mengen an Gänsefedern und Entendaunen beigemischt. Qualitativ mag dies zu leichten einbußen führen, aber aus Sicht des Tierwohls ist es durchaus wünschenswert, dass auch Entendaunen verwendet werden. Bei Enten spielt der Lebendrupf nämlich keine Rolle, da mehr Enten geschlachtet werden, als die Bettenindustrie Daunen benötigt. Bei Gänsen ist es hingegen genau anders herum. In der Praxis wird jedoch trotzdem lieber auf Gänsedaunen zurückgegriffen, da diese etwas flauschiger sind.

Lebendrupf ist Tierquälerei
Der hohe Bedarf an Gänsedaunen führt dazu, dass die Tiere drei oder vier Mal die Prozedur des Lebendrupfs über sich ergehen lassen müssen, ehe sie geschlachtet werden. Das heißt, dass den Tieren bei vollem Bewusstsein Daunen und Federn ausgerissen werden. „Bei dieser Prozedur kann es zu Knochenbrüchen und in einigen Fällen sogar zum verenden der Tiere kommen. Auch das Abreißen von Teilen der Haut ist nicht selten, wobei die Tiere dann ohne Betäubung notdürftig geflickt werden“, so PROVIEH.

Der Lebendrupf ist zwar in der Europäischen Union verboten, doch lassen die EU-Richtlinien ein Schlupfloch: Das Abstreichen der Daunen während der Mauser. Während dieser Zeit ist die Prozedur für die Gänse weitgehend schmerzfrei. „Der traditionelle Mauserrauf ist in der Praxis aber kaum zu realisieren“, so PROVIEH weiter. Grund dafür sind die großen Herden von um die 1000 Gänse, die niemals zur gleichen Zeit in der Mauser sind. Die Rupfbrigaden kommen jedoch nur einmal und bearbeiten dann gleich sämtliche Tiere. Durch Rupfen lassen sich auch wesentlich höhere Gewinne erzielen, da hierbei durchschnittlich 150 Gramm Daunen pro Gans gewonnen werden können. Beim Mauserrauf sind es lediglich 60 Gramm.

Die Angaben zum Anteil des Lebendrupfes an der Daunengewinnung gehen weit auseinander. Während die Bettdeckenindustrie von 2 Prozent spricht, gehen Tierschützer von 80 Prozent aus. Gründe, um den niedrigen Angaben der Bettenindustrie kritisch gegenüberzustehen, gibt es allemal, denn die Hersteller der zehn von Stiftung Warentest getesteten Betten waren nur wenig kooperativ. Die Verbraucherorganisation äußerte sich dazu wie folgt: „Wir machen diese Untersuchungen zur Unternehmensverantwortung jetzt seit 10 Jahren und so schwierig wie dieses Mal war es noch nie. Vielfach kamen einfach keine Belege. Wir mussten sehr oft nachfragen und selbst dann war es sehr oft Fehlanzeige.“ Nur zwei der zehn getesteten Hersteller legten ihre Schlachthöfe, aus denen sie die Daunen beziehen, offen. Angaben zu den Mastanlagen machte keines der Unternehmen.

Da in Deutschland die Gänseproduktion eher gering ist, kommt der Großteil der Daunen aus Ungarn, Polen und China. Zwar ist auch in Polen und Ungarn der Lebendrupf offiziell verboten, doch gab es in der Vergangenheit immer wieder Berichte, laut denen die EU-Richtlinien nicht eingehalten wurden. Besonders aktiv auf diesem Gebiet ist der Verein „Vier Pfoten“. Sie haben umfangreiches Bildmaterial erstellt und ihre Aktivisten waren bei Recherchearbeiten auch schon Angriffen seitens der Gänsehalter ausgesetzt. Sowohl in Osteuropa als auch in Deutschland kommt es zudem immer wieder zum Lebendrupf durch Maschinen, die eigentlich nur für den Rupf toter Tiere zugelassen sind.

Zum Lebendrupf gesellen sich häufig noch andere negative Folgen, die sich aus der industriellen Massentierhaltung ergeben. So bekommen die Tiere häufig nicht genügend Wasser und leiden unter der Stopfmast. Auch können die Gänse ihr natürliches Verhalten, wie tauchen, gründeln und putzen, in der Regel nicht ausleben.

Alternativen zum Lebendrupf:

Eine Möglichkeit ist, beim Einkauf einer Bettdecke ganz auf Daunen zu verzichten. Auch möglich ist es, auf Decken mit Entendaunen zurückzugreifen, da diese aus Totrupf stammen. Die Tiere werden also erst nach der Schlachtung gerupft und somit keinen weiteren Qualen ausgesetzt. Dieses Verfahren wird auch bei Gänsen eingesetzt, aber hier ist es häufig nicht nachzuvollziehen, ob die Daunen aus Lebend- oder Totrupf gewonnen wurden. Um es den Verbrauchern einfacher zu machen, haben sich einige Hersteller das Traumpass-Siegel ausstellen lassen. Das Siegel soll Lebendrupf gezielt ausschließen. Thomas Müller von der Stiftung Warentest steht dem Siegel allerdings kritisch gegenüber: „Das Traumpass-Siegel soll ja eigentlich garantieren, dass die Tiere nicht lebend gerupft werden. Wir haben aber gesehen, dass selbst die Anbieter, die dieses Traumpass-Siegel haben, uns diese Belege nicht liefern können. Von daher bringt das nicht viel.“

Um sicher zu sein, dass Gänsedaunen nicht aus Lebendrupf kommen, müssen erst schärfere EU-Richtlinien erlassen und Kontrollinstanzen eingesetzt werden.

 

Christian Mädler

Foto: © PROVIEH


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