Streitpunkt Puteneckwerte

25.04.2013: Am 10. April 2013 veröffentlichte der Verband Deutscher Putenerzeuger (VDP) die überarbeitete Fassung der "Bundeseinheitlichen Eckwerte für eine freiwillige Vereinbarung zur Haltung von Mastputen". Aus Kreisen der Tierschutzbewegung regt sich massive Kritik an den Inhalten der Vereinbarung. Sie seien nicht weitgehend genug. Kritisiert werden aber auch diejenigen Tierschutzorganisationen, die wie PROVIEH ihren Sachverstand in die Beratungsrunden der Putenwirtschaft eingebracht haben. PROVIEH nimmt hier im Einzelnen Stellung zu den Fragen und Vorwürfen.

Wer hat sich an den Beratungen zur Neuordnung der Puteneckwerte beteiligt?
Auf Einladung des VDP trafen seit März 2011 über 30 Fachleute zu regelmäßigen Beratungsrunden zusammen. Darunter waren auch Vertreter aus dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV), aus den Fachministerien mehrerer Bundesländer sowie aus der Wissenschaft, dem Tierschutz und dem Deutschen Bauernverband (DBV).

War PROVIEH als einzige Tierschutzorganisation an den Gesprächen beteiligt?
Nein. Auch der Bundesverband Tierschutz, der Bund gegen Missbrauch der Tiere und die Tierärztliche Vereinigung Tierschutz haben wie PROVIEH ihre Fachleute in die Beratungen entsandt. Der Deutsche Tierschutzbund war vom VDP eingeladen worden, entsandte jedoch keine eigenen Vertreter, sondern nahm an den Beratungen mittelbar durch mandatierende Absprachen mit den beteiligten Tierschutzvereinen teil.

Hat PROVIEH den Eckwerten für die Haltung von Mastputen zugestimmt?
Nein. Die Eckwerte sind kein Ergebnis eines Abstimmungsprozesses, sondern lediglich eine freiwillige Vereinbarung der Putenwirtschaft. Sie werden getragen vom VDP und vom Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG). Keiner der Unterzeichner des Abschlussprotokolls hat den Eckwerten damit im Ergebnis "zugestimmt" - die Tierschutzorganisationen ebenso wenig wie die Vertreter der Ministerien und Veterinärbehörden. Ihre Unterschriften dokumentieren lediglich, dass die betreffenden Personen im Zuge der zweijährigen Beratungen ihre Argumente und Sichtweisen eingebracht haben - nicht aber, inwieweit diese im Einzelnen auch berücksichtigt wurden.

Warum hat sich PROVIEH überhaupt an den Beratungen beteiligt?
PROVIEH verfügt über Sachverstand und 40 Jahre Erfahrung beim Schutz von Nutztieren. Unser Verein bringt seine Fachkenntnisse überall ein, wo sich eine realistische Chance bietet, zugunsten der landwirtschaftlich genutzten Tiere etwas an den bestehenden Verhältnissen in der Tierhaltung zu verbessern. Auch wenn das in der Praxis manchmal nur kleine Schritte sind.

Lässt sich PROVIEH durch seine Teilnahme als "Tierschutz-Alibi" vor den Karren der Putenwirtschaft spannen?
Nein. Die Beteiligung an Verhandlungen mit der Putenwirtschaft ist keine Alibi-Veranstaltung, sondern Teil der Facharbeit von PROVIEH zum Erreichen der satzungsgemäßen Ziele des Vereins. Die Kampagnen von PROVIEH und anderen Organisationen der Tierschutzbewegung haben einen hohen Druck aufgebaut, die oft unerträglichen Bedingungen in der industriellen Intensivtierhaltung ("Massentierhaltung") endlich zu verändern. Auch die Vertreter der Putenwirtschaft spüren diesen Veränderungsdruck. Sie suchen das Gespräch mit Tierschutzorganisationen, um nach Auswegen zu suchen. Hätte PROVIEH im Verlauf der zweijährigen Beratungsarbeit einen gegenteiligen Eindruck gewonnen, so wäre der Verein aus den Gesprächen ausgestiegen.

Schreiben die neuen Eckwerte nicht eine fürchterliche Tierquälerei im Putenstall fort?
Tatsächlich bleiben massive Probleme in den Putenbeständen erhalten und die Änderungen der Haltungsvorgaben bewirken bestenfalls kleine Verbesserungen. Aus den Erfahrungen von PROVIEH lässt sich aber zweifelsfrei ableiten, dass nicht allein die Vorgaben für die Haltung, sondern das tägliche Handeln der Halter maßgeblich ist, wie gut oder schlecht es den Tieren in einem Bestand geht. Deshalb hält PROVIEH es für unerlässlich, am Ergebnis einer Tierhaltung, also am Tier selbst zu beurteilen, in wie weit Tierquälerei vermieden werden konnte. Die Häufigkeit von Entzündungen der Fußballen, der Einsatz von Antibiotika oder die Zahl der während der Mast verendeten Tiere sind unmissverständliche Maßzahlen dafür. Dass solche Indikatoren in Zukunft verbindlich im Rahmen eines "Gesundheitskontrollprogramms" erfasst und mit Konsequenzen für die Halter verbunden sein werden, ist ein Fortschritt für den Tierschutz.

Welche konkreten Maßnahmen sollen im Gesundheitskontrollprogramm ergriffen werden, um eklatante Misstände abzustellen?
Im Programm bewertet werden  sollen vor allem Tierwohlindikatoren, die am Tier selbst zu beobachten sind. Dazu zählt beispielsweise die Gesundheit der Fußballen, die sich zweifelsfrei und unabhängig kontrollierbar am Schlachtband erfassen lässt. Da es viele unterschiedliche Gründe geben kann, warum sich die Füße der Puten schmerzhaft entzünden, macht es aus Sicht von PROVIEH wenig Sinn, den Putenhaltern einzelne konkrete Gegenmaßnahmen verbindlich festzuschreiben. Vielmehr muss sich jeder Halter unmittelbar daran messen lassen, wie gut oder schlecht es seinen Tieren geht. Mit welchen Mitteln er es letztlich schafft, gesunde Tiere ohne Verhaltensstörungen, Schäden und Leiden aufzuziehen, lässt sich nicht per Dekret festlegen. Aber DASS er das schaffen MUSS, ist eine gesellschaftliche Forderung, die es für die Branche einzuhalten gilt. PROVIEH bringt seinen Sachverstand dabei ein, das "wie" näher zu konkretisieren und wird sich auch an der weiteren Ausarbeitung des Gesundheitskontrollprogramms als beratende Organisation beteiligen.

Warum sind nach den Eckwerten immer noch die elend hohen Besatzdichten zulässig?
Tatsächlich sind Besatzdichten, die vier bis fünf herangewachsene Puten pro Quadratmeter zulassen, zu hoch, um beispielsweise ein Ausleben des angeborenen Bewegungsverhaltens der Puten zu ermöglichen. Die Besatzdichte ALLEIN lässt aber noch keine konkrete Aussage darüber zu, wie es den Tieren tatsächlich geht. PROVIEH kennt aus seiner praktischen Arbeit auch Betriebe, die bei sehr niedriger Besatzdichte über 15 % Tierverluste durch Kannibalismus zu verzeichnen hatten, und ebenfalls solche, die bei höheren Besatzdichten vergleichsweise weniger Leid erzeugten. Deshalb will PROVIEH, dass am Tier letztlich selbst bemessen wird, wie es dem Lebewesen geht. Das ERGEBNIS muss stimmen, um mehr Tierschutz im Stall zu erreichen, es muss sich aber auch auszahlen für den Betrieb. Doch mehr Tierwohl wird heutzutage vom Lebensmitteleinzelhandel und den Fleischerzeugern noch nicht als wirtschaftlich relevantes Leistungsmerkmal gegenüber dem Tierhalter vergütet. Die Putenerzeuger haben daher zurzeit nur eine wesentliche Stellschraube, die wirtschafliche Situation ihrer Betriebe zu steuern: Über die Menge der aufgezogenen Puten und damit über die Tiere pro Stallplatz. Weniger Tiere im Stall werden erst dann branchenweit möglich sein, wenn sich auch bei geringerer Besatzdichte dasselbe wirtschaftliche Betriebsergebnis erzielen lässt. Das erscheint den meisten Betrieben zurzeit noch nicht möglich. Wenn sich aber durch das Gesundheitskontrollprogramm in der Praxis für die einzelnen Betriebe bestätigt, dass sie nur bei niedrigeren Besatzdichten tierwohlgerechtere Ergebnisse erzielen können, und der Handel das von der Putenbranche auch konsequent fordert und kostendeckend vergütet, ist ein wichtiger Schritt zu mehr Tierschutz getan.

Warum ist in den neuen Eckwerten noch kein genereller Verzicht auf das Schnabelkürzen vorgesehen, wie er nach § 6 Tierschutzgesetz eigentlich gefordert wäre?
Dieser Aspekt war ein Kernthema in den Beratungen zur Neuordnung der Puteneckwerte. PROVIEH führt seit mehreren Jahren eine Kampagne zur Abschaffung des Schnabelkürzens bei Geflügel. Anders als bei Legehennen ist die Problematik des Kannibalismus bei Puten in der Praxis jedoch ungleich schwerer zu lösen. Patentrezepte gibt es nicht. So bringt zum Beispiel eine Reduktion der Besatztdichten alleine keine Besserung, denn selbst bei zwei Wochen jungen Putenhähnen, die versuchsweise mit unkupiertem Schnabel in niedriger Dichte gehalten wurden, traten unvertretbar hohe Verluste durch Kannibalismus auf. Und selbst in extensiv bewirtschafteten (Bio)-Betrieben mit niedrigen Besatzdichten von unkupierten Puten lassen sich zum Teil massive Schäden durch Schnabelhiebe und Picken beobachten. In Betrieben mit intensiver Mast und hohen Tierdichten sind die Probleme durch derartige Verhaltensstörungen nochmals größer. PROVIEH hat deshalb für das Land Nordrhein-Westfalen einen wissenschaftlich orientierten Lösungsvorschlag ausgearbeitet, der zurzeit in ersten Schritten mit Putenhaltern umgesetzt wird. PROVIEH will das Leid des Schnabelkürzens nicht gegen das Leid des gegenseitigen Anfressens eintauschen, sondern beides wirksam beseitigen. Über eine Verordnung ist das weniger gut zu erreichen als durch praktische Beispiele, wie es geht und sich wirtschaftlich darstellen lässt.
 
Sind die freiwilligen Eckwerte rechtlich verbindlich genug, um etwas zu verbessern?
Die Puteneckwerte sind in der Tat eine freiwillige Vereinbarung der Putenwirtschaft. In Deutschland und der EU fehlen verbindliche Rechtsverordnungen zur Haltung von Puten. Nach Inkrafttreten der Eckwerte am 1. Oktober 2013 sollen diese aber unmittelbar für jeden Putenhalter in Deutschland gelten. So werden sich beispielsweise die Kontrollen seitens der Veterinärbehörden an den Inhalten der Eckwerte orientieren. Die freiwillige Vereinbarung ist damit zwar kein Gesetz, hat aber in der Praxis rechtsähnlichen Charakter. Für PROVIEH zählt unter dem Strich, was in der Praxis - in den Ställen und für das Leben der Puten - herauskommt. Ob das durch eine freiwillige Vereinbarung oder durch ein Gesetz zustande kommt, ist nachrangig.

Fazit:
"Tierquälerische Massentierhaltung" und ihre fatalen Folgen für Mensch und Tier zu vermeiden ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. PROVIEH begrüßt grundsätzlich jeden Schritt, der den Puten ihr kurzes Leben etwas weniger leidvoll machen hilft. Und wir sind Praktiker genug, um zu wissen, dass mehr Tierschutz sich auch für den Halter bezahlt machen muss, wenn er auf den Betrieben tatsächlich umgesetzt werden soll. Deshalb nehmen wir auch den Handel in die Pflicht, beim Einkauf von Putenfleisch kostendeckende, höhere Preise zu zahlen.

Stefan Johnigk