Tierschutz als Qualitätsmerkmal. Ein Interview mit Dr. Colette Vogeler


Dr. Colette Vogeler ist seit 2015 Post-Doc am Lehrstuhl für Vergleichende Regierungslehre und Politikfeldanalyse an der Technischen Universität in Braunschweig. Ihre Forschungsschwerpunkte verorten sich in der Politikfeldanalyse und der politischen Ökonomie. Aktuelle thematische Schwerpunkte sind Wirtschafts- und Agrarpolitik mit einem Fokus auf Tierschutzpolitik, insbesondere im Feld der Nutztierhaltung. 

 


Was führte Sie zu Ihrer Forschung im Bereich der „Nutz“tierhaltung? Was war Ihre Motivation?

Zum einen schaue ich als Wissenschaftlerin erst einmal nach Forschungslücken. In der Politikwissenschaft wird das Thema Tierschutzpolitik kaum untersucht. Es gibt vielleicht eine Handvoll Wissenschaftler, die sich mit dem Thema befassen. Einige beschäftigen sich mit ethischen und philosophischen Fragen, aber weniger mit der konkreten Gesetzgebung: Was beeinflusst Gesetzgebung? Warum unterscheidet sich Tierschutzgesetzgebung in verschiedenen Ländern und welche Politikinstrumente werden genutzt? Das sind Fragen, die mich sehr interessieren und umso mehr hat es mich verwundert, wie wenig diese Themen in der Politikwissenschaft bisher präsent sind. Zudem wird Tierschutzpolitik aktuell stark diskutiert. Umso wichtiger, die Debatte aus wissenschaftlicher Perspektive zu begleiten.  

Wie entwickeln sich Ihrer Ansicht nach gesellschaftliche Anforderungen an Landwirtschaft und Tierhaltung?

Für die Landwirtschaft generell kann man sagen, dass es ein steigendes Bewusstsein für Nachhaltigkeit gibt. Das kann man zum Beispiel auch im wachsenden Biosegment beobachten. Im Feld Tierschutz gibt es eine aktuelle repräsentative Umfrage in allen EU-Mitgliedsstaaten – das sogenannte Euro-Barometer. Hier kann man sehen, dass das gesellschaftliche Bewusstsein steigt: Für 82 Prozent der Europäer ist das Thema Tierschutz in der Nutztierhaltung zentral. In Deutschland ist dieser Wert sogar noch höher. Grundsätzlich kann man Unterschiede feststellen – der gesellschaftliche Stellenwert für Tierschutz ist zum Beispiel in Südeuropa geringer als in Nordeuropa. Noch geringer ist der gesellschaftliche Stellenwert für Tierschutz außerhalb Europas.

Reagiert die Politik auf die neuen Anforderungen? 

Wenn wir uns die neue Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner anschauen, sowie auch den ehemaligen Minister Schmidt, wird das Feld Tierschutz zwar immer wieder thematisiert, allerdings gibt es vergleichsweise wenige konkrete Maßnahmen. Es gibt Ankündigungen wie zum Beispiel das freiwillige Tierwohllabel, aber nur wenige gesetzliche Verbesserungen. Wobei wir grundsätzlich zur Kenntnis nehmen sollten, dass die Tierschutzgesetzgebung in Deutschland im internationalen Vergleich bereits sehr umfassend ist. Wir haben Haltungsvorschriften, Transport- und Schlachtverordnungen. Allerdings sind nicht alle Tiere abgedeckt. Es gibt zum Beispiel für Puten keine Tierschutzgesetze.

Aktuell gibt es eine spannende wissenschaftliche Debatte über die Frage, ob Tierschutz zunehmend dem Markt überlassen wird. Das sehen wir aktuell zum Beispiel an der freiwilligen Haltungskennzeichnung von Lidl.

Sehen Sie eher Chancen oder Risiken, wenn der Handel mit einer eigenen Kennzeichnung vorangeht?

Beides! Chancen bestehen beispielweise in erhöhter Transparenz für den Konsumenten. Allerdings hat der  Konsument in der Regel sehr wenig Wissen darüber, wie eine artgerechte Tierhaltung aussieht. Wenn das Tier 0,7 Quadratmeter mehr Platz hat, ist das nun gut? Oder wäre es wichtiger, die Anzahl von Tieren in einer Gruppe zu reduzieren? Diese Fragen müssten aus verhaltensbiologischer Perspektive beantwortet werden. Häufig basieren Labels vom Handel auf Kriterien, die der Konsument erwartet und die man gut vermarkten kann. Sie basieren nicht immer auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Dennoch sind Handelsinitiativen wahrscheinlich flexibler im Vergleich zur Gesetzgebung und können Anreize für Produzenten bieten, da Aufpreise möglich sind. Landwirte werden also motiviert, beziehungsweise können es sich dadurch erst leisten, das Tierwohl ihrer Tiere zu erhöhen. Hier kann der Handel sicherlich wichtige Impulse setzen.

Sie haben die Tierschutzpolitik der unterschiedlichen Parteien in Deutschland analysiert. Spielen Parteien eine Rolle bei der Tierschutzgesetzgebung?

In meiner Studie habe ich mir die deutschen Bundesländer angeschaut, Legislaturperioden verglichen und analysiert, ob es einen Unterschied macht, welche Parteien an der Regierung  beteiligt sind. Wichtige Unterschiede finden sich bereits in den Wahlprogrammen. Bei den Grünen hat das Thema Tierschutz den größten Stellenwert. Interessant ist, dass die große Mehrheit der Bundesratsinitiativen, die zu einer Verbesserung des Tierwohls beitragen sollten, vor allem durch grüne Regierungsbeteiligung zustande gekommen sind, beispielsweise das Verbot der ganzjährigen Anbindehaltung von Rindern.

Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen haben unter grüner Regierungsbeteiligung an einem Tierschutz-Verbandsklagerecht gearbeitet. Es gibt außerdem verschiedene Erlasse in diesen Ländern, wie zum Schnabelkürzen bei Legehennen. Außerdem gibt es finanzielle Förderungen, die in einigen Bundesländern gewährt werden, zum Beispiel für die Weidehaltung von Milchkühen oder für die Haltung auf Stroh bei Schweinen und Rindern. Auch hier sind es nur Länder mit grüner Regierungsbeteiligung, in denen solche Fördermaßnahmen aktuell existieren. Also ja, es lässt sich empirisch belegen: es macht einen Unterschied, welche Partei an der Regierung beteiligt ist.

In einer weiteren Studie vergleichen Sie die Tierschutzpolitik Deutschlands mit der von Österreich und der Schweiz. Wie unterscheiden sich die drei Länder in der Tierschutzgesetzgebung? 

Zunächst haben alle drei Länder im internationalen Vergleich sehr hohe Standards, allerdings gibt es Unterschiede in der Entwicklung. In der Schweiz wurden bereits 1981 für viele Nutztiere Gesetze verabschiedet. Außerdem sind hier mehr Spezies geschützt als in Österreich oder in Deutschland. In allen drei Ländern gibt es gesetzliche Regelungen zu Platz, Eingriffen und Transportzeiten. Hier ist die Schweiz Vorreiter: Im Gegensatz zu Österreich und Deutschland sind viele Eingriffe, wie beispielsweise das Ringelschwanz-Kupieren, verboten. Auch die Transportzeiten sind geringer.

Eine Besonderheit in der Schweiz ist die Detaillierung der Vorgaben: Ganz aktuell wurde im Januar 2018 ein Gesetz verabschiedet, welches regelt, dass Hummer vor dem Kochen betäubt werden müssen. So etwas wird in Deutschland nicht einmal diskutiert. Ein anderes Beispiel bietet die Kastenstandhaltung bei Sauen. Diese ist in der Schweiz nur in extremen Ausnahmefällen möglich, in Deutschland ist sie die Regel. Einen wichtigen Unterschied gibt es auch bei den Instrumenten. Ganz wichtig sind die Programme BTS (besonders tierfreundliche Ställe) und RAUS (Weidezugang): Hier fördert der Staat mit finanziellen Prämien die Landwirte, die Auslauf,  mehr Platz und Beschäftigungsmaterial bieten. Vergleichbare Programme gibt es in Deutschland nicht, zumindest nicht auf Bundesebene.

Ist die direkte Demokratie in der Schweiz hilfreich für den Tierschutz? Inwiefern?

Man kann zeigen, dass direkt-demokratische Elemente historisch eine wichtige Rolle in der Entwicklung des Tierschutzes in der Schweiz gespielt haben. So wurde zum Beispiel die Überarbeitung der nationalen Tierschutzgesetzgebung 2002 durch die Initiative Tierschutz Ja! vorangetrieben. Auch in den USA gibt es positive Beispiele, wo Verbesserungen im Tierschutz häufig auf Petitionen zurückzuführen sind.

Wo sehen Sie die Hauptgründe für die Unterschiede in der Tierschutzgesetzgebung der drei Länder?

Es gibt eine Vielzahl an Faktoren. Die Rolle von Parteien habe ich bereits genannt. Weiter sind gesellschaftliche Erwartungen wichtig. Man geht davon aus, dass diese Erwartungen in die Politik transportiert werden. Einmal durch direktdemokratische Elemente, wie in der Schweiz. Oder durch Parteien, die diese Erwartungen aufnehmen. Andere Einflussfaktoren sind organisierte Interessensgruppen. Das können Tierschutzverbände oder auch Bauernverbände sein.

Dann gibt es sogenannte Pfadabhängigkeiten: Wie ist eine Industrie aufgestellt, wie lange sind Umstellungsfristen? Wenn einmal ein Pfad eingeschlagen wurde, wie beispielsweise in Deutschland den Pfad der starken Intensivierung der Tierhaltung, kann man nicht so schnell umstellen. Da hängt viel dran – massive Investitionen in Stallbauten, teilweise basieren ganze Regionen auf dem Wirtschaftsmodell. Man kann Veränderungen schon anstoßen, muss sich aber auch bewusst machen, welche Umstellungsbarrieren existieren.

Der Einfluss der Faktoren auf die Tierschutzgesetzgebung variiert allerdings zwischen den Ländern sehr stark. So spielen in manchen Ländern Parteien eine große Rolle, in anderen gibt es verstärkte Pfadabhängigkeiten.

Wie wichtig ist die internationale Integration in den Weltmarkt? Steht die internationale Wettbewerbsfähigkeit mit Tierschutz im Gegensatz?

Internationale Wettbewerbsfähigkeit ist ein klassisches Argument gegen höhere Tierschutz- oder auch gegen höhere Umweltstandards. In Großbritannien zum Beispiel hatten strengere Vorschriften in der Sauenhaltung auch tatsächlich einen Einfluss auf die Abwanderung der Produktion.

Es kommt allerdings auf das Modell an. Wer auf Kostenführerschaft statt auf Qualität setzt, versucht die Produktionskosten so gering wie möglich zu halten, um international wettbewerbsfähig zu sein. Hier sind zwei Wege zu unterscheiden, die zu Kostenvorteilen und damit zu internationalen Wettbewerbsvorteilen führen können: Entweder werden Kosten zu Lasten von Tieren und/oder Arbeitnehmern gesenkt, zum Beispiel durch weniger Platz für die Tiere sowie eine sehr geringe Entlohnung der Arbeitnehmer. Oder man versucht höher zu skalieren, sich zu spezialisieren und damit einen höheren Intensivierungsgrad zu erreichen. Letzteres muss nicht unbedingt ein Problem für den Tierschutz darstellen. Auch wenn die zunehmende Intensivierung der Tierhaltung sehr negativ wahrgenommen wird, gibt es keinen wissenschaftlich nachgewiesenen Zusammenhang zwischen Betriebsgröße und Tierwohl. Im Gegenteil sind oft größere Betriebe eher in der Lage, in tierfreundlichere Systeme zu investieren. In Deutschland kann man das an der Anbindehaltung von Milchkühen sehen, auf kleineren Höfen vor allem ein Problem, weil auch die Umstellungskosten sehr hoch sind. In größeren Betrieben ist Laufstallhaltung Standard.

In Deutschland wird trotz der im internationalen Vergleich hohen Tierschutzstandards etwa die Hälfte der Tierproduktion exportiert, dies ist unter anderem durch den hohen Spezialisierungsrad und die Intensivierung der Produktion möglich.

Und was ist mit der Schweiz?

Die Schweiz ist ein Sonderfall, Exporte spielen hier keine große Rolle, und die Konsumenten sind bereit für höhere Tierschutzstandards und lokale Produkte mehr zu zahlen. Außerdem gibt es umfangreiche Förderprogramme durch die Regierung. Am Beispiel der Schweiz kann man allerdings schon feststellen, dass es für ein Land einfacher ist, höhere Tierschutzstandards durchzusetzen, wenn es weniger in den Weltmarkt integriert ist.

Gleichzeitig ist Wettbewerbsfähigkeit nicht nur durch geringere Tierschutzstandards zu erreichen. Im Gegenteil: Höhere Standards können bei gesellschaftlichen Anforderungen auch ein Qualitätsmerkmal sein! Deutschland hat es in anderen Branchen, zum Beispiel in der Automobilindustrie, geschafft, über Premiumqualität Wettbewerbsfähigkeit zu erlangen. In der Tierproduktion ist diese Art der Differenzierung bisher kaum gelungen. Dies ist allerdings eine Option, die stärker fokussiert werden könnte, um nicht nur über den Preis zu exportieren, sondern über eine Qualitätsdifferenzierung.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es auch auf andere Faktoren, wie die jeweilige Struktur der Branche, ankommt. Die Integration in den Weltmarkt kann eine Rolle spielen, muss sie aber nicht zwingend.

Welche Lösungsansätze sehen Sie, den Tierschutz in Deutschland voranzubringen?

Der Tierschutz ist im internationalen Vergleich bereits relativ weit. Dennoch bestehen zahlreiche Gesetzeslücken und Probleme bei der Implementierung.

Ein Aspekt, der für Deutschland sicherlich interessant wäre, sind die RAUS und BTS Prämien in der Schweiz, die es Landwirten ermöglichen, tierfreundliche Haltungssysteme umzusetzen. Hier hilft man den Landwirten wettbewerbsfähig zu bleiben, indem man diese Haltungssysteme fördert. Kurzfristige Gesetzesverschärfungen dagegen können Landwirte schnell finanziell überfordern.

Ein wichtiger Trend in Deutschland ist die Zusammenarbeit zwischen Handel, Gesellschaft und Politik. Es müsste ein Zusammenspiel geben zwischen klassischer Gesetzgebung und freiwilligen Anreizen für Landwirte sowie zwischen Handel, Landwirten und Politik.

Langfristig ist die Frage zu klären, welche Art der tierischen Produktion in Deutschland zukunftsfähig ist. Eine Option ist, statt immer billiger zu produzieren, mehr auf Qualität zu setzen und über diese Differenzierung auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig zu sein.

Gibt es denn auch außerhalb Deutschlands eine Nachfrage nach Produkten mit höheren Tierschutzstandards?

Es gibt Umfragen, die zeigen, dass Bürger bereit wären, mehr für Tierwohl in der Nutztierhaltung zu zahlen, auch in anderen Ländern. Beobachten kann man das aktuell bereits bei nichtverarbeiteten Eiern. Hier gibt es eine hohe Anzahl an Kunden, die nach tierfreundlicheren Haltungssystemen greift, seit es die verpflichtende Kennzeichnung gibt. Aber auch in asiatischen und afrikanischen Ländern gibt es ein wachsendes Bewusstsein für Tierschutz. Meines Erachtens – und das belegen auch Umfragen – wird es in Zukunft einen steigenden Bedarf nach solchen Produkten geben.

Werden Sie weiterhin zum Thema Tierschutzpolitik forschen?

Ja, definitiv! Ich arbeite aktuell an zwei Studien. Eine befasst sich im internationalen Vergleich mit der Entwicklung von Labelsystemen. In einer zweiten Studie untersuche ich gemeinsam mit einer Kollegin die Probleme der Arbeitnehmer in der Branche. Gerade in der fleischverarbeitenden Industrie herrschen prekäre Arbeitsbedingungen. Auch das hat wiederum Einfluss auf das Tierwohl. Wenn weniger über den Preis und mehr über die Qualität nachgefragt würde, könnte dies sowohl Tierschutzstandards als auch die Arbeitsbedingungen positiv beeinflussen.

Vielen Dank!

Das Interview führte Jasmin Zöllmer