Tschüss Milchquote - Ahoi Weltmarkt?

02.04.2015: Nach nunmehr 31 Jahren endete zum 31.03.2015 die Milchquote. Viele Landwirte blicken der Zukunft skeptisch, viele aber auch optimistisch entgegen. Nach Meinung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) sei der Milchmarkt global gut aufgestellt. Es würden Impulse für mehr Wachstum und Arbeitsplätze geschaffen werden und die Nachfrage nach weiterverarbeiteten Produkten, wie zum Beispiel Käse und Joghurt sei sehr gut. Natürlich gebe es Schwankungen auf dem Weltmarkt, denen sich die Landwirte anpassen müssten. Wir fragen uns jedoch: Wen sollen diese Worte beruhigen?

Unter dem Motto „Volle Kanne – Milchbauern schützen“ wurde die Frage, wie es mit der Milchwirtschaft nach dem Ende der Quote weitergeht, beim Fachgespräch der Grünen am 27.03.15 erörtert. In den letzten 15 Jahren haben bereits 50 Prozent der kleinen Milchbetriebe aufgegeben. Es wird erwartet, dass die Marktlage sich weiter verschärft, was immer geringere Preise je Kilogramm Milch zur Folge hat. Schon jetzt müssen Milchbauern zum Teil mit 26 Cent je Kilogramm/Milch wirtschaften. PROVIEH sorgt sich, dass es in den nächsten Jahren weitergeht mit dem Höfesterben. Kleine Betriebe geben auf, größere investieren in noch größere Anlagen und noch höhere Tierzahlen. Betriebe, die bereits frei von Verschuldungen sind, schaffen den Spagat zwischen Leben und Überleben. Betriebe, die vor kurzem in neue Anlagen investiert und ihre Bestände aufgestockt haben, werden zum Teil in einen finanziellen Engpass kommen. Hier hilft zum Überleben nur noch die Betriebsprämie, die in Grundprämie, Greening und weitere Zuschläge aus den Mitteln der Europäischen Agrarpolitik aufgesplittet ist (Erklärungen siehe Kasten). Da sich die Europäische Agrarpolitik aus den Steuereinnahmen der europäischen Bürger trägt, subventioniert der Steuerzahler aktiv große Betriebe.


Erklärungen:

Grundprämie: Die Grundprämie wird je Hektar gezahlt. Somit hat ein großer Betrieb mit viel landwirtschaftlicher Fläche eine hohe Grundprämie.

Greening: alle Landwirte, die die Grundprämie beantragen, müssen ab 2014 zusätzlich 3 weitere Maßnahmen erbringen:
1. Fruchtartenvielfalt der Ackerflächen,
2. Erhalt von Dauergrünland und
3.  Ausweisung von mindestens 7 Prozent der Flächen „als im Umweltinteresse genutzt“ (außer Dauergrünland). Hierfür erhält der Landwirt eine Pauschale, die 30 Prozent der Direktzahlungen ausmacht (für Deutschland geschätzt ca. 90 Euro je Hektar und Jahr).

Weitere Zuschläge: Es sollen bis zu 25 Prozent der Grundprämie (ca. 50 Euro pro Hektar) für zum Beispiel Landwirte unter 40 Jahren, oder auch besonders benachteiligte Gebiete gewährt werden.


 

Was bedeutet das für die Tiere?


Die Milchleistung einer heutigen Kuh liegt durchschnittlich bei 8.300 Kilogramm (2014), Tendenz steigend. In den USA liefern sogenannte „Spitzenkühe“ über 12.000 Kilogramm. Die Frage ist, wie sich die Zucht in den nächsten Jahren orientieren wird. Das Ende der Quote birgt sicherlich einen Anreiz, noch höhere Leistungen von den Kühen zu verlangen. Zur Besänftigung der Kritiker, ob das denn gut sei und vertretbar, wird darauf hingewiesen, dass ein Augenmerk bei der Zucht auch auf robuste Gesundheit und ein gutes Erscheinungsbild  gelegt würde. Fakt ist allerdings: Milchkühe werden bereits heute nach durchschnittlich drei Laktationen beziehungsweise nach drei Kälbern ersetzt. In Lebensjahren bedeutet das, dass eine Milchkuh durchschnittlich nicht älter als fünf Jahre  wird. In den USA sind es nur noch 2,4 Laktationen. Die Tiere werden mit eiweißreichen Futtermitteln versorgt, die eigentlich für den auf rohfasereiche Kost spezialisierten Wiederkäuer ungeeignet sind. Fütterungsbedingte Krankheiten sind die Folge. Ein Armutszeugnis für die Landwirtschaft und auch für uns Verbraucher. Der Nachhaltigkeitsgedanke, den sich hier zulande jeder auf die Fahne schreibt, ist eine Worthülse ohne Inhalt.

 

Handelsplattform Weltmarkt


Der Weltmarkt ist hart umkämpftes Gebiet. Es gibt viele Anbieter und auch eine große Nachfrage. Der Preis entscheidet hier über Verkauf und Nichtverkauf. Die deutsche Landwirtschaft, mit einem sehr hohen Standard bei Tier- und Umweltschutz und im globalen Vergleich hohen Arbeitslöhnen, muss sich mit anderen Wettbewerbern messen, deren Ansprüche im Bereich Tierschutz oder Arbeitsrecht anders aufgestellt sind (wir berichteten im PROVIEH-Magazin 01-2015). Es ist naiv zu glauben, dass deutsche Milchviehbetriebe diesem Preisdruck auf Dauer begegnen können.


PROVIEH sieht eine realistische Chance des Überlebens in der regionalen Vermarktung der Milchprodukte. Auch könnten sich die Milchwirte eine sogenannte Qualitäts-Nische auf dem Weltmarkt mit Produkten erobern, die im Besonderen für faire Löhne, Tier- und Umweltschutz stehen. Es gibt durch den Verbraucher eine Nachfrage nach artgerechten Haltungssystemen. Diese Nachfrage müssen Politik, Lebensmitteleinzelhandel und Landwirtschaft ernstnehmen und bedienen.   Wenn die heimische Landwirtschaft es also geschickt anstellt und auch zukünftig die Vielfalt der Milchbetriebe erhalten bleibt und gefördert wird und dem Tier wieder die Wertschätzung entgegengebracht wird, die es verdient, sollte der Weltmarkt und sein Preisdiktat keinen so großen Einfluss auf die Landwirte und ihre Milchrinder haben.

 

Stefanie Pöpken

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