Die überschüssigen Kälber der Milchviehhaltung 



Rinder wurden jahrhundertelang als Viernutzungsrinder gehalten. Sie dienten in erster Linie zur Gewinnung von Milch und Fleisch, wurden aber auch zur Arbeitsverrichtung und Lederproduktion genutzt. Heute hat sich die Nutzung von Rindern stark spezialisiert, sodass sich separate Zucht- und Haltungssysteme für die Milch- und Fleischgewinnung etabliert haben. Die spezialisierte Milchproduktion der Rinder zieht jedoch die Problematik der überschüssigen Kälber nach sich. Denn nur die hochgezüchteten weiblichen Kälber werden zur Aufstockung der Milchviehherde benötigt – der Rest der Kälber wird, ähnlich wie die männlichen Küken der Legehennen, mittlerweile als Abfallprodukt der Milchwirtschaft behandelt und ist damit zahlreichen tierschutzrechtlichen Problemen ausgesetzt. 

Spezialisierung der Rinderhaltung in Milch- und Fleischnutzung 

Damit eine Kuh Milch gibt, muss sie jedes Jahr ein Kalb gebären, welches üblicherweise in Abhängigkeit seines Geschlechtes entweder zur Milchproduktion oder zur Fleischgewinnung vorgesehen ist. Früher blieben die Kuhkälber auf den Milchviehbetrieben und die Bullenkälber wurden lokal als Mastbullen zur Fleischgewinnung genutzt. Im Süden Deutschlands sind diese Systeme von Zweinutzungsrindern noch sehr etabliert, doch in den allermeisten Milchviehställen Deutschlands stehen die schwarzbunten Milchkühe der Rasse Holstein-Friesian. Diese Rasse wurde jahrzehntelang auf eine Rekordleistung von Milch gezüchtet und hat ihre Milchleistung innerhalb von 50 Jahren verdoppelt. So hat sie sich in der kostengetriebenen Milchviehhaltung Deutschlands durchgesetzt. Die Spitzenleistungen von 12.000 Litern je Kuh und Jahr fordern allerdings ihren Tribut: Neben den zahlreichen „Produktionskrankheiten“ als Folge der Hochleistung, darunter chronisch erkrankte Euter, Stoffwechselerkrankungen, Lahmheit und Fruchtbarkeitsprobleme, sind die spezialisierten Milchkühe zur Mast schlecht geeignet. Aufgrund ihrer Genetik stecken Milchrinder ihre gesamte Energie in Milch und setzen nur sehr schlecht Muskeln und Fleisch an. Die zarten Holstein-Friesian Kälber werden nicht selten für unter zehn Euro an den Viehhändler verkauft, da sie für die Mäster von geringer Wertigkeit sind. Für den Milchviehhalter entsteht daraus ein deutlicher Verlust aus der Aufzucht. Damit sind jedoch alle Bullenkälber sowie die überschüssigen weiblichen Kälber im Wesentlichen überflüssig. In Deutschland leben rund 4,2 Millionen Milchkühe. Ungefähr die Hälfte der Nachkommen ist weiblich, doch es werden nur etwa 30 Prozent zur Remontierung, also zur Aufstockung der Milchviehherde, benötigt. Damit gehen aus der intensiven Milchviehhaltung Deutschlands jedes Jahr etwa drei Millionen Kälber als „Nebenprodukte” hervor. 

Wo verbleiben all diese Kälber, wenn sie sich so schlecht zur Mast eignen? 

Zehn bis zwanzig Prozent der Kälber verschwinden im Dunkeln auf den Milchviehbetrieben, entweder als Totgeburten oder als Verluste in den ersten vier Lebenswochen. Als normaler Wert gilt jedoch nur ein Anteil von fünf Prozent und zusätzlich ist der Anteil von Verlusten bei Bullenkälbern signifikant erhöht. Es muss also davon ausgegangen werden, dass ein Anteil der Milchviehkälber, ähnlich zur Praxis bei überschüssigen  Ferkeln oder Eintagsküken in der Legehühnerhaltung getötet oder unzureichend versorgt wird. 

Der Lebensverlauf der überschüssigen Kälber 

Für die überschüssigen Milchviehkälber fangen die Strapazen mit dem Verkauf vom Milchviehbetrieb meist erst richtig an: Zunächst kommt auf die zwei- bis vierwöchigen Kälber ein langer und strapaziöser Transport zu. Die Kälber einzelner Betriebe werden in Sammelstationen entsprechend ihres Alters, Gewichtes und Geschlechtes sortiert und dann von Viehhändlern als Gruppen verkauft. Eine Faustregel: Je schlechter sich die Gruppe zur Mast eignet, desto länger der Transport. Die vorzüglichsten Kälber werden in Deutschland gemästet. Ein Großteil der zarten Holstein-Friesian- Kälber wird in den Niederlanden, Spanien und Italien gemästet, weil sich diese Länder auf eine kostengünstige, sehr intensive Kälbermast spezialisiert haben. Ein kleiner Teil wird noch immer in EU-Drittländer wie Usbekistan, Kasachstan, Libyen, Marokko oder die Türkei transportiert – mit entsprechend langen und widrigen Transporten und schlimmen regionalen Haltungsbedingungen. Diese Transporte sind nicht mit dem deutschen Tierschutzgesetz vereinbar, zumal die Kälber mit zwei bis vier Wochen noch nicht von der Milch entwöhnt sind und nur Flüssignahrung mit einem Nuckel aufnehmen können. De facto gibt es aber keine Tiertransport-LKW in der EU, die entsprechend für die Versorgung dieser jungen Kälber mit Milch oder Flüssignahrung ausgestattet sind. Die Veterinäre und Behörden nehmen damit bewusst in Kauf, dass die Milchviehkälber in den zulässigen 18 Stunden Transportzeit nicht versorgt werden können.

Endlich in den Mastbetrieben angekommen, werden die Kälber prophylaktisch mit Antibiotika behandelt, denn sie stehen vom Stress des Transportes und der wechselnden Kälbergruppen enorm unter Druck, tragen alle ihr betriebsindividuelles Bakterienmilieu in den Maststall und haben noch kein eigenständiges Immunsystem. Dann werden sie möglichst kostengünstig, schnell und „weiß-fleischig“ gemästet. Sie werden auf Vollspalten ohne funktionalen Liegebereich und Einstreu gehalten, wo im Zeitverlauf mit steigender Körpergröße aber gleichem Stallabteil immer weniger Platz zur Verfügung steht. Die Rinder werden außerdem nicht ihrer Tierphysiologie als Wiederkäuer entsprechend gefüttert. Sie bekommen vornehmlich Milchaustauscher, das nicht aus Milch, sondern aus Kokos- und Palmfett besteht, sowie Kraftfutter. Diese Fütterung führt zur hellen, gar weißen Farbe vom Kalbfleisch, spiegelt aber eine akute Fehlernährung wider, welche in den meisten Fällen zu starkem Eisenmangel und Anomalien wie Labmagengeschwüren im Magendarmtrakt führt. 

Systemwechsel: Milchwirtschaft, Politik und Gesetzgeber in der Pflicht 

In Milchproduktionsländern wie zum Beispiel Neuseeland und Großbritannien ist es bereits üblich, die Milchviehkälber direkt nach der Geburt zu töten. Und auch in Deutschland mehren sich die Anfragen von Milchviehbetrieben bei Behörden, die Tötung der Milchviehkälber mit der gleichen Argumentation des jahrelangen „Kükenschredderns“ im Hinblick auf den nicht vorhandenen wirtschaftlichen Wert des Tieres zu genehmigen.

Aus Sicht von PROVIEH ist diese Praxis und diese Entwicklung in aller Deutlichkeit abzulehnen. Das „System Milch“ hat sich dazu verleiten lassen, einem Geschlecht und damit der Hälfte der Kälber keinen Nutzen mehr beizumessen und sich jenem „Nebenprodukt“ der Milchproduktion der Verantwortung zu entziehen. Es gilt diesem System vielseitig entgegenzuwirken: Zunächst muss der Gesetzgeber mit dem Tierschutzgesetz einen Rahmen schaffen, der die Anforderungen an Kälbertransporte und Kälbermastverfahren mit den Zielen des Tierschutzes vereint. Damit würde sich der Transport nicht-entwöhnter Kälber erübrigen beziehungsweise geeignete Transportfahrzeuge erfordern. Außerdem würden die Bedingungen der intensiven Kälbermast dem Tierschutzgesetz nicht standhalten und müssten in der Haltung und der Fütterung grundlegend verändert werden. Der Transport in Drittländer gehört endlich verboten! Und die Milchwirtschaft – die Züchter und Tierhalter wie auch die Verarbeitung und Vermarktung – müssen Verantwortung für jedes Tierleben übernehmen und einen echten Kurswechsel vornehmen: Zucht, Haltung, Transport und Schlachtung müssen an die Bedürfnisse und Verhaltensweisen des Rindes angepasst werden – ohne auf einem Auge blind zu sein. 

Anne Hamester 


Eine Fortsetzung dieses Artikels mit Lösungsansätzen finden Sie hier: Kälber ohne Wert? Zwei Lösungsstrategien mit Zukunftsperspektive 

Beide Artikel sind im PROVIEH-Magazin 01-2021 erschienen.