Umsteuerung in der Milcherzeugung erforderlich

03.07.2015: Das Wort „Milchmarktkrise“ ist in Deutschland und Europa inzwischen so geläufig wie früher, in den 1970er und 1980er Jahren, die Begriffe „Milchsee“, „Butterberg“ und „Interventionspreis“. Zwei Gegenmaßnahme wurden gegen die Überproduktion ergriffen: Ab 1983 wurden für die Länder und ihre Bauern die Milchquoten eingeführt, also eine maximale Produktionsgrenze pro Land und Betrieb, sowie Strafzahlungen bei Überproduktion. Und am Anfang der 1990er Jahre wurden in den meisten EU-Ländern, darunter Deutschland, die Agrarsubventionen weitgehend von den Produktionsmengen „entkoppelt“ und auf „Flächenprämien“ pro Hektar Land umgestellt.

Fehlsteuerung durch die Politik

Diese Maßnahmen haben die Probleme des Milchmarktes nur teilweise entschärft. Denn auf der Seite der Abnehmer, also der Molkereien und des Lebensmitteleinzelhandels, fand ein politisch gewollter extremer Konzentrationsprozess statt, der eine faire Preisentwicklung verhinderte. Zehn Molkereien beherrschen inzwischen fast den gesamten deutschen Markt, Lebensmittelriesen wie Unilever, Danone und Nestlé beherrschen die Verarbeitung und die meisten Milchprodukte werden von wenigen großen Ketten des Lebensmitteleinzelhandels verkauft.

Unter dem Joch der Preisdiktate protestieren die Milchbauern seit Jahren (mit wenigen kurzen Unterbrechungen) vergeblich für stabile, kostendeckende Preisen von 42 bis 45 Cent statt nur 25 bis 35 Cent pro Liter. Das Problem wird nicht dadurch gelöst, dass die Milchbauern flächenbezogene Subventionen bekommen, die aus Steuermitteln stammen, oder dass sie die Produktionsmenge erhöhen und dadurch einen Teufelskreis aus Überangebot und Preissenkungen erzeugen. Dennoch beschleunigt die EU mit ihrer Politik des „Wachse oder Weiche“ und damit auf Kosten der Steuerzahler einen Teufelskreis, der immer mehr Bauern in den Ruin treibt.

Unter anderem setzte die neoliberale Agrarkommissarin Marianne Fischer-Boel im Jahr 2008 die Abschaffung der Milchquoten zum 31. März 2015 durch (siehe unten), und das mit Unterstützung der deutschen Bundesregierung und gegen heftige Proteste der Milchbauern, die das Milchquoten-Instrument lieber verbessern wollten. Als Ersatz hat die EU jetzt eine „Milchmarkt-Beobachtungsstelle“ eingeführt, die nach Ansicht des Bundes Deutscher Milchviehhalter (BDM) für das Milchmarkt-Management aber unzureichend ist.

Die Abschaffung der Milchquote läuft unter dem Motto „fit für den Weltmarkt“ und soll den  europäischen Milchbauern angebliche Exportchancen eröffnen. Man spekuliert dabei vor allem auf Marktanteile an der prognostizierten Nachfragesteigerung in asiatischen Märkten – obwohl in anderen Ländern die Milch viel billiger produziert werden kann und die meisten Asiaten aufgrund ihrer Genetik gar keine Kuhmilch vertragen können. Wie schnell solche Spekulationsblasen platzen können, zeigte 2014 der russische Importstopp für EU-Agrarerzeugnisse, der wegen der Ukrainekrise verhängt wurde und dessen Ende nicht absehbar ist. Die russischen Einfuhren von Milch und Molkereierzeugnissen sanken von September 2013 bis September 2014 um rund drei Viertel auf nur noch 38,7 Millionen Euro. Zusätzlich senkte der vielgepriesene Zukunftsmarkt China seine Importe drastisch wegen voller Läger und mangelnder Nachfrage. Der Nachfrage-Kollaps halbierte die Weltmarktpreise für Milchprodukte von April bis Dezember 2014.

Wer meint, durch die geplanten Freihandelsabkommen CETA und TTIP könnte sich die Lage entschärfen, der irrt; denn jenseits des Atlantiks liegen die Erzeugungskosten viel niedriger als in Europa. Selbst bei positiver Weltmarktlage sind unsere Kosten für Löhne, Boden, Futter und Energie sowie unsere Standards für Umwelt-, Tier- und Arbeitsschutz viel höher als in den großen Exportnationen wie den USA und Neuseeland, wo Farmen mit jeweils mehreren zehntausend Kühen schon jetzt an der Tagesordnung sind. Einen weiteren Wettbewerbsvorteil hat die Milchwirtschaft in Nordamerika dank der dort erlaubten, aber bei uns aus Verbraucherschutzgründen verbotenen Leistungsförderer (wie Wachstumshormone und Betablocker). Zudem werden US-Agrarerzeuger von der amerikanischen Regierung auch hoch subventioniert („farm bill“). Mit solchen Produzenten können europäische Bauern nie und nimmer konkurrieren.

Sackgasse Export

Trotzdem glauben die deutschen Milchbauern offenbar dem Exportcredo, das die Bundesregierung und der Deutsche Bauernverband gebetsmühlenartig vorbeten.  2014 stellten Sie wieder einmal einen unrühmlichen Rekord bei der Überschreitung ihrer Milchquoten auf und überschwemmten den bereits übersättigten Markt mit immer mehr Milch. Wegen der Überschussproduktion wird für das am 31. März 2015 endende Wirtschaftsjahr 2014/2015 eine Rekordstrafzahlung fällig.

Zusätzlich werden die Milchbetriebe durch fallende Milchpreise bestraft (seit Anfang 2014 unter 30 Cent pro Liter). Der Tiefpunkt ist laut Expertenmeinung noch lange nicht erreicht. Bei solchen Spottpreisen können höchstens vollautomatisierte Megafarmen überleben, wenn sie nicht auf Pump gebaut wurden. Aber bäuerliche Familienbetriebe mit unter 100 Kühen können so kein ausreichendes Familieneinkommen erzielen.

Neben den Kostennachteilen belegen noch zwei weitere wichtige Argumente den Irrweg der übertriebenen Weltmarkt- und Exportorientierung der deutschen Milch- und Agrarwirtschaft:

Erstens schadet die übertriebene Exportorientierung den Steuerzahlern; denn sie werden ungefragt zur Kasse gebeten für Investitionsförderung großer Ställe („zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit“), für Absatzförderprogramme, Lagerhaltung und für die „Flächenprämien“, obwohl die ehemaligen Weideflächen heute vor allem für die Erzeugung von „Biomasse für Biogasanlagen“ verwendet werden. Und zusätzlich müssen die Steuerzahler natürlich für die Beseitigung von Umweltschäden zahlen, zum Beispiel für Trinkwasseraufbereitung in überdüngten Regionen.

Zweitens ist die Fehlsteuerung auf „Exportorientierung zu Weltmarktpreisen“ außer für die Bauern und die Steuerzahler auch für die Tiere schädlich: Die Kühe leiden unter der Hochleistungsproduktion mit Sojakraftfutter (siehe Infobox). Zigtausende männliche und weibliche Kälber von Hochleistungsmilchkühen (oft Holstein Friesian), die nicht zur Nachzucht gebraucht werden, sind aus ökonomischer Sicht praktisch „wertloser Ausschuss“, weil sie wegen ihres zu geringen Fleischansatzes nicht rentabel gemästet werden können (wir berichteten).

Selbst aus verfahrenen Lagen gibt es Auswege.

PROVIEH hat deshalb Briefe an Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt und den DBV-Präsidenten Joachim Rukwied mit der Aufforderung zur Abkehr von Überproduktion, Marktliberalisierung und Exportorientierung sowie zur Förderung von Klasse statt Masse.

Bitte schreiben auch Sie an diese beiden Verantwortlichen für die derzeitige Fehlsteuerung und fordern sie zur Abkehr von der industriellen, exportorientierten Landwirtschaft auf sowie gegen die Liberalisierung des Handels mit Agrarerzeugnissen vor allem mit den USA und Kanada (TTIP und CETA).

Bitten Sie sie, sich nicht nur in Lippenbekenntnissen zu einer gesellschaftlich akzeptierten bäuerlichen Landwirtschaft zu bekennen, sondern diese aktiv zu fördern – auch mit einer vernünftigen Milchmengensteuerung in Europa. Als Vorbild könnte die seit Jahren erfolgreiche Marktsteuerung in Kanada dienen. Auch zahlreiche konkrete Vorschläge des BDM könnten eine Marktentlastung und besseres Krisenmanagement ermöglichen.

PROVIEH plädiert zudem für einen Umstieg von den einseitig auf Milchleistung gezüchteten Rassen wie Holstein Friesian auf Zweinutzungsrassen wie Fleck- oder Braunvieh, die allerdings seit einigen Jahren auch schon gefährlich auf höhere Milchleistungen gezüchtet werden. Mit Hilfe einer branchenweiten Initiative für Tierwohl – analog zu der im Schweinesektor (siehe auch Bericht in diesem Heft) – könnten die Milchbauern unter anderem Boni für Milch von Kühen mit Weidegang und für Zweinutzungsrassen bekommen, um gegenzusteuern. PROVIEH setzt sich bereits dafür ein.

 

Sabine Ohm


Adressen:

Herrn Christian Schmidt                                  Joachim Rukwied

Bundesminister für Landwirtschaft                    Präsident des DBV e.V.

und Ernährung                                              Claire Waldorff Str.7

11055 Berlin                                                 10117 Berlin

 


Tierleid durch Qualzuchten

Werden Turbokühe mit Kraftfutter (oft vermischt mit Gen-Soja) vollgepumpt, überlastet dies ihren Stoffwechsel und beeinträchtigt ihre Gesundheit. Die extreme Hochleistungszucht und -fütterung hat die durchschnittliche Milchleistung seit den 1950er Jahren auf ca. 7.400 Kilogramm pro Kuh und Jahr verdreifacht (2013), über 12.000 Kilogramm sind für „Spitzenkühe“ längst keine Seltenheit mehr. Dies hat zu einer drastischen Verkürzung ihrer „Nutzdauer“ geführt: Studien zufolge ging die extreme Erhöhung der jährlichen Milchleistung in den vergangenen Jahrzehnten mit einer starken Zunahme verschiedener Erkrankungen wie Mastitis, Klauenproblemen, Eierstockzysten, Gebärmutterentzündungen, Labmagenverlagerung und Milchfieber einher, so dass Kühe immer früher „ausgemustert“ (geschlachtet) werden. In den USA und Dänemark erlebten die Milchkühe 2013 im Durchschnitt nur noch 2,4 Laktationsperioden, in Deutschland bekamen sie noch drei Kälber. Tendenz: fallend.