Unser täglich Fleisch - Wie unser Konsum das Klima anheizt

Kühe rülpsen Methan – ein klimaschädliches Gas, das bei der Verdauung entsteht. Importierte Futtermittel wie Soja zerstören Regenwälder in Südamerika. Zu viel Dünger sorgt für eine hohe Nitratbelastung im Grundwasser. Die intensive Landwirtschaft hat es wirklich nicht leicht in der Klimadebatte. „Schlimmer als die Ölbranche“ titelte die Süddeutsche Zeitung. Denn das Institute for Agriculture and Trade Policy (IATP) und die Umweltorganisation Grain fanden heraus, dass die fünf größten Fleisch- und Molkereikonzerne bereits heute mehr klimaschädliche Emissionen pro Jahr verursachen als die Ölkonzerne Exxon-Mobil, Shell oder BP.

Drei Fleischunternehmen - JBS, Cargill und Tyson - emittierten im vergangenen Jahr mehr Treibhausgase als ganz Frankreich. Die Tierproduktion ist inzwischen für circa 15 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich (mehr als der Transportsektor!) und verbraucht große Mengen an Ressourcen. Weltweit werden 70 Prozent des Ackerlandes für die Aufzucht von landwirtschaftlich genutzten Tieren gebraucht. 80 Prozent der globalen Soja-Ernte werden an Rinder und Schweine verfüttert.

Die deutsche Bundesregierung hat sich im Klimaschutzplan von 2016 verpflichtet, die Emissionen aller Sektoren schrittweise bis 2050 zu senken. Die durch die Landwirtschaft produzierten Treibhausgase sollen bis 2030 auf 58 bis 61 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr verringert werden – dies entspricht einer Minderung von 31 bis 34 Prozent gegenüber 1990. Im Jahr 2017 hat die Landwirtschaft 65,4 Millionen Tonnen Treibhausgase ausgestoßen, ein wenig mehr als noch im Jahr zuvor.

Runter mit dem Fleischkonsum

Die Deutschen essen durchschnittlich circa 60 Kilogramm Fleisch pro Kopf und Jahr. Im Jahr 2050 werden voraussichtlich zehn Milliarden Menschen auf der Welt leben. Würden diese zehn Milliarden Menschen so viel Fleisch essen wie derzeit jeder Deutsche, dann bräuchte die Menschheit die Ressourcen von drei Erden.

Der Wissenschaftler Dr. Marco Springmann hat mit seinen Kollegen der Oxford-Universität errechnet, dass eine globale Umstellung der Ernährung ein großes Potential für das Klima birgt: So könnte ein reduzierter Fleischkonsum die weltweiten lebensmittelbedingten Emissionen bis 2050 um fast ein Drittel senken, während die breite Einführung einer vegetarischen Ernährung die Emissionen um fast zwei Drittel senken würde. Letzteres würde zudem bis 2050 bis zu acht Millionen Menschenleben retten sowie Kosten im Gesundheitsbereich und durch Klimaschäden in Höhe von 1,5 Billionen US-Dollar vermeiden.

Global muss der Fleischkonsum also dringend reduziert werden, vor allem in den Industrieländern, wo der Pro-Kopf-Verbrauch noch am höchsten ist. Das erklärte Ziel, die Erderwärmung bis Ende des Jahrhunderts auf unter zwei Grad zu begrenzen, ist ohne eine Verringerung des Fleischkonsums nicht erreichbar.

Alternative: Fleisch der Zukunft?

Weniger Fleisch – das ist nicht jedermanns Sache. Aber vielleicht gibt es Hoffnung für all diejenigen, die ungerne auf den Burger bei der Grillparty verzichten. Denn sogenanntes „clean meat“ – sauberes Fleisch, auch Laborfleisch oder Kulturfleisch genannt, könnte bereits in ein paar Jahren den Weltmarkt erobern.

Gemeint ist echtes Fleisch, dass nur durch die Entnahme von ein paar Stammzellen in einer Petrischale gezüchtet wird (siehe PROVIEH Magazin Heft 4/2017). Während ein so produzierter Burger im Jahr 2013 noch 250.000 Euro kostete, soll er bereits ab 2021 für zehn Euro zu haben sein. Die Vision dabei: für Fleisch soll kein Tier mehr sterben. Und auch der Umwelt kann dies zugutekommen, denn für die Herstellung von Kunstfleisch werden viel weniger Kühe benötigt. Mark Post, der in den Niederlanden federführend an der Entwicklung von Kulturfleisch forscht, ist überzeugt, dass für eine globale Versorgung weltweit nur 30.000 Rinder statt der derzeitigen 1.5 Milliarden benötigt werden. Das bedeutet weniger Treibhausgase und weniger Tierleid, denn für die Entnahme der notwendigen Muskelzellen ist nur ein kleiner Piks notwendig, sterben muss dafür kein Tier. Außerdem kann kultiviertes Fleisch zu einer Einsparung von bis zu 90 Prozent des Land- und Wasserverbrauchs führen.

Eine Agrarwende muss her

Aber auch ohne die Entwicklung von Innovationen wie „Kulturfleisch“ muss das Narrativ der Branche „Wir müssen die Welt ernähren“ mit einhergehender Produktionssteigerung und Exportorientierung endlich umgekehrt werden in ein „Wie kann sich die Welt nachhaltig ernähren?“.

Landwirte sind schließlich nicht nur Verursacher, sondern auch Opfer des Klimawandels. Global, aber auch in Deutschland gibt es immer mehr Dürren, Überschwemmungen und Hagel. Wetterextreme werden sich in den nächsten Jahren häufen und bedrohen die Existenz vieler Landwirte durch Ernteausfälle. Wie überall könnten Risiken durch Diversifizierung minimiert werden. „Don´t put all your eggs in one basket“  (Leg nicht all deine Eier in einen Korb) lernt der Investor für kluge Finanzentscheidungen. Genauso ist das Risiko natürlich viel geringer, wenn der Landwirt nicht nur Eier produziert, sondern auch Gemüse und Weizen. Wenn dann eine Produktionssparte von Wetterextremen oder anderen Risiken betroffen ist, können Ausfälle durch Einnahmengenerierung der anderen Produktionssparten abgefedert werden. Dies ist bei einer hohen Spezialisierung, wie beim Anbau von Monokulturen, nicht möglich. Klassische Gemischtbetriebe, wie sie früher üblich waren, wären also eine Lösung.

Die Klimaziele sind nur mit einer Agrarwende zu erreichen. Weniger industriell hergestelltes Fleisch, dafür mehr nachhaltig produziertes Gemüse. Extensiv statt intensiv, artgerecht statt auf Leistung getrimmt. Das ist für die Tiere besser, für das Klima und auch für unsere Gesundheit.

Was fehlt sind eine kohärente Strategie sowie Konzepte der Politik. Diese handelt bisher widersprüchlich. Denn einerseits werden Klimaziele vereinbart und unterschrieben, andererseits wird der Export von Fleisch immer weiter angekurbelt. Stolz hat die Bundesregierung erst kürzlich das Handelsabkommen zwischen der EU und Japan unterzeichnet, das europäischen Fleisch- und Milchproduzenten neue Exportchancen sichert.

Jasmin Zöllmer