Vorsicht vor Tierschutz-Etikettenschwindel

04.12.2015: Mit Hilfe von angeblichen Tierschutzstandards können Verbraucher leicht in die Irre geführt werden. Die Tiere sind neben den Verbrauchern die großen Verlierer.

Damit keine Zweifel aufkommen: PROVIEH hält viel von guten Tierschutzlabeln, die den Tieren also auch wirklich ein besseres Leben bescheren. Durch sie haben die Verbraucher die Möglichkeit, echte Tierwohlware einzukaufen. Dabei kommt es selbstverständlich außer auf ein solides Regelwerk auch auf die tatsächliche Einhaltung der Tierwohlkriterien und verlässliche Kontrollen an. Nur so kann Verbrauchertäuschung wirksam vermieden werden.

PROVIEH warnt dagegen vor Labeln, die Tierwohl nur versprechen, das Versprechen in der Praxis aber nicht halten, also nicht für gesunde, artgerechte Haltungsbedingungen über das gesamte Leben der Tiere sorgen. So kommt es durchaus vor, dass die Tiere in Ställen gehalten werden, die man gar nicht von normalen konventionellen Stallungen unterscheiden kann.

In der Schweinehaltung lässt sich der Mangel an echtem Tierwohl leicht daran erkennen, dass Schweine mit kupiertem Schwanz gehalten werden. „Wo der Ringelschwanz ab ist, da ist kein Tierwohl drin.“ So kann man es auf den Punkt bringen. Geht es den Tieren gut, halten sie ihren Schwanz wohlig geringelt. Dafür kann man mit guten Haltungsbedingungen und gutem Management sorgen. Im Ergebnis kommt es kaum zum gefürchteten Schwanzbeißen. Solche Betriebe verdienen die Auszeichnung durch ein Label, dem der Verbraucher Vertrauen schenken kann.

Leider gibt es „Tierwohl“-Siegel, die ein solches Vertrauen nicht verdienen. Zu ihnen gehört zum Beispiel das 2010 eingeführte holländische Siegel Beter Leven (zu Deutsch: Besseres Leben). Es täuscht den Verbraucher, gaukelt ihm vor, dass die Schweine schon bei der Einstiegsstufe (ein Stern) ein tiergerechteres Leben als in konventioneller Haltung führen können. Das angeblich „bessere Leben“ bringt den Schweinen aber kaum Vorteile, bis auf etwas mehr Platz pro Tier, als in den Niederlanden konventionell üblich.

Wie PROVIEH bei zahlreichen Betriebsbesuchen auch in Beter Leven Ställen in Holland feststellen konnte, ist dort bei allen Schweinen der Schwanz kupiert, obwohl dies gegen geltende nationale und EU-Gesetze verstößt. Als Beschäftigungsmaterial gibt es meist nur Ketten und abgenagte Plastikkanister, aber kein Raufutter. Oft sind die Ställe dunkel, und die Schweine sind sehr schmutzig, weil sie offenbar in ihren Exkrementen liegen müssen.

Zwar werden bei Beter Leven die Sauen und Ferkel inzwischen immerhin auch zertifiziert, was anfangs nicht geschah – und das ist sogar schon mehr als das, was einige deutsche Label bieten, die nur das halbe Schweineleben (Mast) betrachten. Aber den holländischen Sauen und Ferkeln nützt auch die Zertifizierung relativ wenig, weil die Haltungsbedingungen kaum über die niederländischen Gesetze hinausgehen. So dürfen Beter Leven-Ferkel beispielsweise mutterlos und auf Vollspalten aufgezogen werden, und die Sauen dürfen in Abferkelkäfigen gehalten werden, ohne dass dies den Verbrauchern auf irgendeiner Weise kenntlich gemacht wird.

Aus Sicht von PROVIEH reichen derart schwache Kriterien definitiv nicht für die Vergabe eines Tierschutz- oder Tierwohlsiegels aus. Wird es dennoch vergeben, werden die Verbraucher getäuscht,  weil ihnen das Siegel-Etikett suggeriert, dass die Schweine rundherum ein besseres Leben geführt hätten. Verantwortlich für diese Form der Täuschung ist in den Niederlanden ausgerechnet der größte niederländische Tierschutzverein („Dierenbescherming“). Er vergibt das schwache Siegel und bürgt dafür mit seinem Namen. Noch freuen sich die Supermärkte darüber, weil der Verkauf von Fleisch mit dem Siegel ihnen ein gutes Image bringt. Aber die Freude kann schnell verfliegen, sollten Bilder aus den dunklen, kahlen und oft dreckigen Beter Leven Ställen mit den kupierten Schweinen an die Öffentlichkeit gelangen.

Auf EU-Ebene droht ein weiteres Siegel-Problem: Derzeit werden in Brüssel die Regeln für den Biosektor neu verhandelt (EU-Ökoverordnung 834/2007). Vertreter der Bioindustrie drängen auf Aufweichungen bestehender  Tierwohlnormen, um billiger produzieren zu können. Dafür soll zum Beispiel das Verbot von Verstümmelungen („nicht kurativen Eingriffen“) beim Schwein aufgeweicht werden, um das Kupieren des Schwanzes zu erlauben. PROVIEH hält dagegen und setzt sich gemeinsam mit anderen Tierschutzvereinen für eine Verbesserung der Bio-Tierhaltungsbestimmungen in der Europäischen Union ein.

 Wir warnen eindringlich davor, die Verbraucher in Sachen Tierwohl an der Nase herumzuführen. Täuschungen und Lügen haben kurze Beine. Die deutschen Medien verfolgen das Thema Tierwohl zu recht mit Argusaugen. Und wenn das Vertrauen erst einmal verspielt ist, kann der Schaden in der Folge nur schwer wieder behoben werden; denn schwarze Schafe färben erfahrungsgemäß immer auch negativ auf die gesamte Bewegung ab, auch in der Biobranche oder beim Tierschutz. PROVIEH mahnt deshalb: Tierschutz und Tierwohl dürfen nur draufstehen, wenn sie in der Ware auch drinstecken!

Prof. Dr. Lorenzen, Vorsitzender von PROVIEH

Fotos: PROVIEH