"Warum essen wir eigentlich Tiere?" von Minister Dr. Robert Habeck

Vor einigen Monaten absolvierte einer meiner Söhne sein Schulpraktikum bei dem Naturschutzverein Bunde Wischen und erlebte dabei, wie ein Rind per Gewehrschuss, wie auch per Bolzenschuss getötet wurde. Abends berichtete er über seine Erlebnisse und er fragte: „Warum essen wir eigentlich Tiere?“. Ich versuchte mich mit ein paar Antworten: „Weil Menschen das immer gemacht haben; weil sie gut schmecken; weil wir es können…“Aus ethischer Sicht nicht besonders überzeugend.

Philosophisch lauert hinter dieser Kinder-Frage eine der schwierigsten Probleme zeitgenössischer (und früherer) Ethik. Denn dringlich wird die Frage, wenn man sie zuspitzt und fragt, ob Tiere eigene Rechte haben.  Und wenn Tiere eigene Rechte haben, welche sind das dann? Denn davon ist abhängig, unter welchen Bedingungen wir überhaupt Tiere halten und töten dürfen.

Die Gesetzeslage geht nicht davon aus, dass Tiere eigene Rechte haben, sondern dass sich der moralisch richtige Umgang der Menschen mit ihnen aus dem Zweck ihrer Haltung und Tötung ergibt. „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen“, lautet der Paragraph 1 des Tierschutzgesetzes. Demnach ist es bisher gesetzeskonform, Schweine auf jeweils 0,75 Quadratmeter Raum bis zur Endmast zu halten, Rinder zu enthornen und Schnäbel von Hühnern zu kupieren, weil das jeweils einem vernünftigen Zweck unterzuordnen ist.

Was jedoch gesetzlich in Ordnung ist, was rechtliche Auslegung der Gesetze ist, das bestimmt immer auch der gesellschaftliche Konsens. Und ich bin mir sicher, dass aufgrund der gesellschaftlichen Debatte zum Tierwohl sich auch die gesetzlich normierten Standards in Richtung mehr Tierwohl verändern werden.

Nicht erlaubt ist schon heute das Züchten von Tieren zum Beispiel für die energetische Verwertung. Und untersagt werden müsste folgerichtig meiner Auffassung nach das Töten von Eintagsküken, weil es eben hierfür keinem „vernünftigen Grund“ gibt. Einen Vorstoß über den Bundesrat unternahm das Land Schleswig-Holstein, um das Halten von Nerzen zum Zweck der Pelzgewinnung zu untersagen, weil es keinen „vernünftigen Grund“ mehr dafür gibt. Wir leben schließlich nicht mehr im Mittelalter. Es gibt Alternativen, sich warm anzuziehen. Die Bundesregierung hat angekündigt dies auch umzusetzen.

Aber mit Fug und Recht kann man auch behaupten, dass es die Alternative gibt, sich fleischlos zu ernähren. Der „vernünftige Grund“ ist folglich eine Definitionsfrage, abhängig von dem, was Mehrheitsmeinung einer Gesellschaft ist. Dem entgegen steht eine philosophische Auffassung, die sagt, dass es den Tieren letztlich egal ist, ob sie für einen Mantel oder eine Wurst leben und sterben. Und dass sie eigene Rechte auf Leben aus sich heraus haben. Diese Auffassung ist eine gesellschaftliche Minderheitenmeinung.

Sie wirft zwei Abgrenzungsfragen auf. Wie definiere ich Leben? Und: Gilt das nur für Nutztiere oder für alle Tiere? Die Frage nach der Definition des Lebens wird in der Tradition der humanistischen Philosophie immer auch mit einem Grad an Selbstbewusstsein, mindestens aber einem Schmerzempfinden beantwortet. Daher haben wir in Schleswig-Holstein erreichen können, dass das Schlachten von trächtigen Rindern im letzten Drittel unterbleibt, weil nachgewiesen ist, dass die ungeborenen Kälber schon im Mutterleib Schmerzen und Leiden empfinden können. Ist das auch zu übertragen auf andere „niedere“ Tierarten? Haben Insekten oder der Wurm, der am Angelhaken endet, die gleiche Rechte wie Rinder oder Schweine? Und erstreckt sich das Recht der Tiere nur auf den Bereich der Nutztiere oder auch auf den der Wildtiere? Solche Fragen werden diskutiert. An Universitäten und an Küchentischen. Vielleicht werden sie irgendwann einmal zu einer Rechtsauslegung beim Tierschutz führen.

Die reine Ethik ist aber immer eingegrenzt durch andere Diskurse, durch ökonomische Zwänge, durch Gewohnheiten und Traditionen, durch kulturelle Bräuche, und durch den Anspruch, frei entscheiden zu können. All das hat auch seine Berechtigung.

Tierschutz und Tierrechte sind eingewoben in vielfältige gesellschaftliche Fragen. Deshalb ist eine der drängenden Aufgaben dieser Zeit, die Bedingungen für die Nutztierhaltung zu verbessern. Daran arbeitet PROVIEH, daran arbeite ich. Aber „Haben Tiere Rechte?“ Diese Frage stellt auch immer die Grundfrage mit, welche Gesellschaft wir eigentlich sein wollen. Ich glaube, genau deshalb wird die Agrardebatte so engagiert geführt. Und genau deshalb bedanke ich mich bei PROVIEH für die stetige, fachkundige und lösungsorientierte Konsequenz.

© Olaf Bathke

Robert Habeck