Weidehaltung in Irland

Reisebericht über eine Exkursion zur „grünen Insel“

Das Grünlandzentrum Niedersachsen veranstaltete Ende März 2018 eine Fachexkursion nach Irland. Praktizierende Milchbauern sollten die Möglichkeit bekommen sich über das Weidemanagement für Milchkühe zu informieren. Ich habe als PROVIEH-Fachreferentin für Rinder ebenfalls einen der begehrten Reiseplätze bekommen und konnte mir somit über die irische Milchwirtschaft ein eigenes Bild machen.

Das Forschungszentrum Teagasc in Moorepark

Nachdem wir uns am Anreisetag Kilkenny und das Jahrhunderte alte Bauwesen dieser Stadt angeschaut hatten, führte uns der zweite Exkursionstag zum Grünlandzentrum nach Teagasc in Moorepark (keiner spricht diesen Namen gleich aus, von daher biete ich hier meine persönliche Aussprache an: Tschisick). Das Grünlandzentrum Niedersachsen steht seit Jahren in engem Austausch mit dem Grünlandzentrum in Irland. Der Standort Moorepark im County Cork ist mit 400 Mitarbeitern und 300 Versuchstieren das größte geleitete Institut von Teagasc. Auf insgesamt sechs Forschungsinstituten und in 50 Beratungsbüros greift das Konzept aus Betriebsberatung, Ausbildung und angewandter Forschung. Das besondere an diesem Forschungszentrum ist, dass es sowohl von der Regierung als auch von den Milchlandwirten mitfinanziert wird. Es gibt regelmäßige Gesprächsrunden mit Landwirten. Auch eine über das Internet errichtete Plattform steht den rund 5.000 teilnehmenden Landwirten zur Verfügung und bietet Unterstützung beim Weidemanagement an.

Nach einer kurzen Einführung zur irischen Weide-/Milchwirtschaft durch den Institutsleiter Michael O´Donnovan sind wir auf die Versuchsflächen gegangen und haben uns von Michael Egan und Deirdre Hennessey ihre aktuellen Forschungen erklären lassen.

Am dritten und vierten Exkursionstag hatten wir dann die Möglichkeit, einige Landwirte auf ihren Betrieben zu besuchen und ihr Weidesystem in der Praxis kennen zu lernen.

Die Kuh im Fokus

Das Weidemanagement in Irland ist etwas Besonderes: Die Kühe stehen im Schnitt zwischen 270 und 320 Tagen im Jahr draußen und werden hauptsächlich durch Gras ernährt. Auch die gewonnene Milch wird fast komplett durch die Aufnahme von Gras erzielt. Die Kühe in Irland geben durchschnittlich 5.500 Liter Milch pro Jahr, werden rund 7,5 Jahre alt und bekommen circa fünf Kälber in ihrem Leben. Zum Vergleich: Hierzulande geben die Kühe durchschnittlich 9.000 Liter Milch pro Jahr, erreichen dafür aber nur ein Alter von 4,9 Jahren und bekommen 2,4 Kälber.

Ein irischer Milchviehbetrieb hat um die 65 Kühe und 35 Hektar Land. Da die Kühe bereits im zeitigen Frühjahr auf die Weiden kommen, baut das irische System auf die Blockabkalbung. In einem Zeitfenster von sechs bis zwölf Wochen müssen alle Kühe gekalbt haben, damit sie zum Weideauftrieb im Frühjahr dabei sein können. Kühe, die nicht tragend geworden sind oder zu spät kalben, fallen aus diesem System heraus.

Andere Zuchtziele als in Deutschland

Die irische Milchwirtschaft kann einen Liter Milch zu fixen Kosten von 21 Cent produzieren. Solche geringen Kosten sind nur durch die hauptsächliche Fütterung der Kühe mit Gras möglich. Ein Kilogramm Gras kostet den irischen Bauern sieben Cent, ein Kilo Silage liegt bereits bei 15 Cent. Die Kosten für Kraftfutter liegen noch höher. Die Zucht der irischen Weidekühe hat zum Ziel, dass in erster Linie die Weideeignung gestärkt wird. Die Milchleistung steht somit nicht so sehr im Vordergrund wie die Weideeignung, gesunde Klauen, ein guter Körperbau und eine gute Fruchtbarkeit. Und hier zeigt sich ganz klar der Unterschied zur deutschen Milchwirtschaft, denn die Weide als aktiv durch die Tiere genutzte Fläche zur Futteraufnahme hat in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung verloren. Die ganzjährige Stallhaltung von Kühen ist leider inzwischen gängige Praxis und verdrängt immer mehr die Weidehaltung.

Irische Landwirte mit dem „Blick“

Weil die Weide DIE Grundlage für die irische Milchproduktion ist, wird ihr auch ganz besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Zum Teil mehrmals die Woche werden alle Weiden abgelaufen und deren Grasaufwuchsmenge bestimmt. Im Laufe der Jahre hat so ein irischer Milchbauer den sprichwörtlichen Blick fürs Gras entwickelt und kann ziemlich treffsicher die Aufwuchsmenge bestimmen. Anhand dieser Daten kann der Landwirt dann entscheiden, welche Weide zu welchem Zeitpunkt mit wie vielen Tieren beweidet wird. Meist stehen die Tiere 24 bis 36 Stunden auf einem kleinen abgezäunten Weidestück und werden dann auf ein neues Weidestück getrieben. Diese kurze Beweidungsdauer mit maximalem Fraß sorgt für eine intakte Grasnarbe und effiziente Grasaufnahme.

Irisches Weidesystem auf deutschen Weiden?

Strukturell ist in der deutschen Landwirtschaft sehr viel passiert. Viele Betriebe haben mittlerweile keine Weiden mehr am Hof und somit nur sehr begrenzte Möglichkeiten, ihre Tiere nach draußen zu schicken. Von daher müsste sich hinsichtlich der Wertschätzung für die Weide und deren Fördermöglichkeiten etwas grundlegend ändern. Aber nicht nur die Strukturen müssen sich ändern. Auch die Zuchtziele in der deutschen Milchviehwirtschaft sind in Augenschein zu nehmen und möglicherweise zu verändern, denn was bringt eine Hochleistungskuh, wenn sie allein durch Gras nicht mehr satt wird?

Mein persönliches Fazit

Die Exkursion hat sich für mich als PROVIEH-Fachreferentin für Rinder wirklich gelohnt, weil ich einen tieferen Einblick in die verschiedenen Aspekte der irischen Weidehaltung bekommen habe. Besonders gefreut hat mich auch der Austausch mit den mitgereisten Landwirten über das Für und Wider einer Weidehaltung nach irischem Vorbild. Ich bin optimistisch gestimmt, dass es in Zukunft wieder mehr Kühe auf deutschen Wiesen gibt.

Stefanie Pöpken

Erschienen im PROVIEH Magazin 2/2018

Fotos: © Stefanie Pöpken