Wir sollten den Umgang mit unseren Milchkühen überdenken

Ein Interview mit Prof. Dr. Holger Martens

PROVIEH: Professor Martens, wie schätzen Sie die momentane Milchkrise ein? Ist da schon genug und Richtiges getan worden?

Martens: Ich bin von der Politik enttäuscht! Die geht tatsächlich davon aus, dass sich die Milchproduktion beliebig rauf- und runterfahren lässt. Was soll denn dann mit der nicht mehr benötigten Nachzucht in Zeiten geringer Milchproduktion passieren? Sollen die Bauern sie töten lassen? Das Problem wird falsch angegangen. Meine Intention wäre ein Grundeinkommen für die Milchbauern und ein fester Absatzpreis für 80 Prozent der gelieferten Milchmenge, wie das auch der Bund deutscher Milchbauern (BDM) fordert. Die restlichen 20 Prozent unterliegen dann der freien Marktwirtschaft. Wir haben so viele junge, gut ausgebildete und hoch motivierte Milchbauern – die dürfen uns nicht wegbrechen. Wer soll denn sonst diesen anspruchsvollen Beruf ausüben?

PROVIEH: Die durchschnittliche Lebenserwartung von Milchkühen liegt bei 4,9 Jahren. Warum ist das so?

Martens: Um diese Frage zu beantworten, muss ich etwas ausholen. Die ursprüngliche Kuh wollte nach der Geburt vorrangig Milch für die Ernährung des Kalbes liefern und nahm in der ersten Zeit für ihren Bedarf zu wenig Futter auf. Priorität haben die Milchbildung (Ernährung) und der Schutz des Kalbes. Die Kuh will nicht durch Futtersuche oder –aufnahme abgelenkt werden. Das war in der Evolution die ursprüngliche Intention, die sich bis heute erhalten hat, das heißt, es trifft auch heute noch für unsere Milchkühe zu. Ferner wird das aufgenommene Futter primär für die Milchbildung verwendet, nicht für die Kuh. Die Zucht auf eine hohe Milchleistung hat das Problem verstärkt. Um eine hohe Milchleistung zu erzielen, bekommt sie nach der Geburt viel Futter. Dieses wird von ihrem Körper jedoch kaum aufgenommen, sondern hauptsächlich zur Produktion von der Milch verwendet. Die metabolische Antwort der Kuh besteht in einer erhöhten Mobilisierung von Reserven, um das Defizit zu decken. Für die Kuh bedeutet diese hohe Leistung und Belastung des Stoffwechsels eine Gefährdung der Gesundheit, die sich in Fruchtbarkeitsstörungen, Mastits (Euterentzündung) und andere Stoffwechselerkrankungen ausdrücken kann. Die Mobilisierung schließt in vielen Fällen sogar das Fettpolster der Klauen ein. Es handelt sich hierbei um ein funktionelles Fett. Auf das greift der Körper erst zurück, wenn die Not groß ist und die anderen Reserven aufgebraucht sind. Die Folgen sind vermehrte Klauenerkrankungen. Eine weitere Konsequenz der Unterversorgung sind Fruchtbarkeitsstörungen, denen ein einfacher biologischer Mechanismus zugrunde liegt. Eine erneute Trächtigkeit ist weder für die Kuh noch für das entstehende Kalb bei unzureichender Ernährungsgrundlage erwünscht. Die Kuh wird nicht mehr tragend und muss deshalb vom Hof.

PROVIEH: Das ist für die Tiere eine extreme Belastung!

Martens: Ein anderes Beispiel ist die Zucht auf niedrige Zellzahlen. Zellzahlen in der Milch korrelieren mit Euterentzündungen, die man aber damit nicht aufhebt, dass die Zellzahl als Zuchtziel gesenkt wird. Nach der Geburt haben wir es mit einer ausgesprochenen Immunsuppression der Kuh – auch aufgrund der hohen Milchleistung - zu tun, die Entzündungen alle Art (Mastitis, Metritis) begünstigt. Daraus ergibt sich eine verringerte Immunabwehr im Euter und gewöhnliche Umweltkeime können viel schneller Infektionen hervorrufen. Diese führen zu Eutererkrankungen. Können diese nicht geheilt werden, ist das ein weiterer Grund die Tiere auszusortieren.

PROVIEH: Jetzt kennen wir einige Gründe, warum die Kuh nicht alt wird. Wie lange müsste sie denn im optimalen Falle im Betrieb bleiben?

Martens: Die Nutzungsdauer ist zu kurz. Zurzeit verlassen die Kühe die Betriebe im Alter von fünf bis sechs Jahren. Es gibt aber Tiere, die liegen mit ihrer Lebensleistung bei weit über 100.000 Liter Milch. Das schaffen sie allerdings nicht in zwei bis drei Jahren. Diese Kühe sind zehn Jahre und älter. Die optimale Nutzungsleistung ergibt sich in der dritten bis fünften Laktation (Anm. d. Red.: Laktation bezeichnet den Zeitraum, nachdem eine Kuh gekalbt hat und Milch gibt, in der Regel 305 Tage lang). Ökonomisch sind sogar fünf oder mehr Laktationen erwünscht. Es fehlt eine kritische Analyse der kurzen Nutzungsdauer von zurzeit weniger als drei Laktationen. Diese Analyse müsste alle Aspekte der Nutzungsdauer einbeziehen und insbesondere die Kosten der „Reserveherde“ einbeziehen, die vorgehalten werden muss, damit jährlich ein Drittel der Herde aus den genannten Gründen ersetzt werden kann. Ein bekanntes Beispiel für mögliche Vorteile der Hochleistungszucht ist die verringerte Methanabgabe pro Liter Milch. Das ist natürlich richtig. Übersehen wird dabei aber, dass diese Kühe in der Regel eine kürzere Nutzungsdauer haben. Wo ist bei dieser Berechnung das Methan der „Ersatzherde“? Ferner bedeutet hohe Leistung einen hohen Einsatz von Kraftfutter. Neben den möglichen verdauungsphysiologischen Problemen der Pansenazidose (Übersäuerung des Pansens) oder Labmagenverlagerung wird übersehen, dass die Kraftfutteraufnahme die Aufnahme von Grundfutter verdrängt (unerwünscht!), die Passagegeschwindigkeit des Futters durch den Verdauungskanal erhöht und die Effektivität der Stickstoffverwertung herabsetzt. Das Ergebnis ist vermehrte Stickstoffausscheidung im Kot und Harn und damit die Umweltbelastung mit Ammoniak und Lachgas. Es sind gerade diese beiden Gase, die in der Treibhausgasdebatte der Zukunft eine große Rolle spielen werden.

PROVIEH: Also macht der Ausstieg aus der Hochleistungszucht Sinn.

Martens: Hochleistungszucht ist dann zu unterstützen, wenn wir die genannten Probleme und insbesondere die hohen Erkrankungsraten erheblich reduzieren können. Es gibt ja Herden mit 9.000 – 10.000 Litern Milch in der Laktation und einer Laktationszahl von fünf. Die durchschnittliche Laktationsleistung liegt in Deutschland zurzeit bei 8.000 Liter bei einer Laktationszahl von 2,5 – 3,0.  Wir sollten uns an diesem Durchschnitt orientieren und vor allem die Nutzungsdauer erhöhen. Die Zucht könnte sich dann wieder Tieren widmen, die auch mit einer hohen Grundfuttergabe (Gras, Silage und Heu) sowie Mühlenbeiprodukten (Kleie, Rapsschrot) 8.000 Liter und mehr geben. Der Vorteil liegt auf der Hand: Hochleistungskühe sind momentan direkte Nahrungskonkurrenten für den Menschen, weil im Kraftfutter Produkte sind, die sich für unsere Ernährung eignen. Sojaprotein aus Südamerika würde sich erübrigen und damit auch die Problematik dieser Pflanze für die Umwelt.

PROVIEH: Sie erwähnten vorhin schon kurz die Nachzucht. Was sollte sich Ihrer Meinung nach in der Kälberaufzucht ändern?

Martens: Ein Problem in der Nachzucht der Milchkühe sind die Bullenkälber. Über Jahrzehnte wurde verstärkt eine stetig höhere Milchleistung herausgezüchtet. Dabei hat man geflissentlich übersehen, dass sich die männlichen Kälber immer weniger für die Mast eignen. Wir haben es doch mittlerweile mit dem gleichen Problem wie bei den männlichen Eintagsküken zu tun. Lassen Sie mich das mit einer einfachen Rechnung unterstreichen. Bei einer Herde mit 100 Milchkühen werden ungefähr 40 Bullenkälber pro Jahr verkauft. Bei einem Erlös von 50 Euro pro Kalb ergibt sich jährlich ein Ertrag von 2000 Euro. Bei einem klassischen Zweinutzungsrind ergibt sich pro Bullenkalb ein Erlös von 250 Euro, also 10.000 Euro Jahreseinnahme. Diese Differenz von 8.000 Euro muss ein Milchwirt erst einmal „ermelken“. Bei einem Gewinn von 5 Cent pro Liter (unabhängig vom aktuellen Preis) wären zur Kompensation des Verlustes von 8.000 Euro 160.000 Liter notwendig. Vor diesem Hintergrund kann das Zuchtziel „hohe Milchleistung“ doch gar nicht mehr in der bisherigen Form gerechtfertigt werden.  Noch einmal: Dringend ist eine umfassende ökonomische Betrachtung der gesamten Milchviehhaltung erforderlich.

PROVIEH: Was wäre Ihr Lösungsansatz?

Martens: Wir müssen uns mit allen beteiligten Disziplinen (Ökonomen, Tierernährer, Genetiker, Tierärzte) sowie mit den Zuchtverbänden, Bauernverband und anderen über die Problematik verständigen: Hohe Erkrankungsraten, vorzeitige Abgänge, Bullenkälber et cetera. Ein Grundproblem ist ja die unterschiedliche Einschätzung bis zur Leugnung von eventuellen Nachteilen. Dabei gibt uns die wissenschaftliche Literatur eindeutig Auskunft. Eine wesentliche Ursache ist die Genetik, wie viele Untersuchungen gerade von Genetikern zeigen, die immer wieder den Nachweis geführt haben, dass es einen Zusammenhang zwischen Leistung und Erkrankungen und Nutzungsdauer gibt. An der Ursache kann also gar nicht gezweifelt werden. Die Auswirkungen dieser genetischen Disposition werden jedoch durch das Management bestimmt. Die Interaktion zwischen Ursache (Genetik) und Wirkung (Management) bestimmt die Praxis im Betrieb (und dürfen nicht verwechselt werden). Bei günstiger genetischer Disposition und gutem Management ergeben sich die bekannten guten Betriebe. In der Regel sind die Ergebnisse aber im Durchschnitt unbefriedigend und die guten Beispiele dürfen nicht zur Rechtfertigung der Gesamtsituation herangezogen werden. Der immer wieder anzutreffende Verweis auf das Management ist natürlich richtig, lenkt aber von Ursache ab. Im Übrigen ist es nicht die Aufgabe eines guten Managements und auch nicht der Tiermedizin, mit unterschiedlichen Hilfsmitteln wie Propylenglykol, Kexxtone, Catosal oder Hormonprogrammen zur Erhöhung der Fruchtbarkeit, Fehlentwicklungen in der Tierzucht zu kompensieren. Also: Versuch der Verständigung über die Problematik. Aus meiner Sicht ist eine pragmatische Verbesserung der Situation möglich und im Interesse der Milch produzierenden Landwirte dringend notwendig. Wir sollten froh sein, dass wir diesen motivierten Berufstand haben und ihn unterstützen.   

PROVIEH: Herr Professor Martens, vielen Dank für Ihre Zeit und das interessante Gespräch.

Über Prof. Martens

Professor Martens beschäftigt sich seit über 40 Jahren intensiv mit Kühen und machte sich einen Namen als Kritiker der Hochleistungszucht von Kühen. Martens studierte Veterinär-Physiologie an der FU Berlin. Der 72-Jährige ist zwar aus dem aktiven Uni-Dienst ausgeschieden, arbeitet aber immer noch mit Begeisterung "für unsere Kühe".